Kultur : Flirt mit der Kamera

Meisterporträts: Die Galerie Camera Work präsentiert Rankin und Douglas Kirkland

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Ulrich Clewing

David Bowie hat schöne weiße Zähne. Aber sein Zahnfleisch scheint nicht ganz in Ordnung zu sein, Diagnose: Parodontose. Außerdem ist der Bartwuchs schwach, die Nase knollig, die Augen sind unglücklich geschminkt und die Tränensäcke könnten einen Lift vertragen. Für dieses Bild ist der englische Fotograf Rankin Waddell seinem Modell doch sehr nahe getreten, wobei letzterem irgendwie der Ernst abhanden gekommen sein muss. Jedenfalls grinst Bowie in die Kamera, als ob er das Foto schon gesehen hätte, obwohl es in diesem Moment erst gemacht wird.

Waddell, der sich nur Rankin nennt, gilt in Großbritannien als celebrity photographer – als Fotograf, der Berühmtheiten fotografiert und dabei selbst berühmt geworden ist. Vor elf Jahren gründete er mit Jefferson Hack die Zeitschrift „ Dazed and confused“, was ungefähr so viel heißt wie „verwirrt und durcheinander“. Aus dem Nichts entstandenen, wurde sie schnell zu einem der maßgeblichen Modemagazine der britischen Insel. Später kamen ein Buchverlag und die Beteiligung an weiteren Zeitschriften hinzu, daneben betrieb Rankin ausgesprochen erfolgreich sein Studio. Als zum goldenen Kronjubiläum in diesem Frühsommer zehn Fotografen erwählt wurden, um Königin Elisabeth zu porträtieren, war unter ihnen auch Rankin – seine Arbeit ist inzwischen in der Londoner National Portrait Gallery ausgestellt.

Die Galerie Camera Work zeigt derzeit drei Werkgruppen von Rankin, eine Reihe von Prominentenporträts, die Serie „Breeding“ sowie, als einzige in Farbe, die „Waxworks“, täuschend echte und in dieser Echtheit ironisch wirkende Aufnahmen aus Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett.

Rankins Bildnisse könnte man fast als klassisch-modern bezeichnen, unverkennbar ist die Orientierung an der Schule des Neuen Sehens der zwanziger Jahre, angereichert freilich durch Ironie und einen deutlich zeitgenössischen Witz. Die Sängerin Björk zum Beispiel schaut einen nur mit einem Auge an, der Rest des Gesichts verschwindet hinter einem flatternden Vorhang von pechschwarzen Haaren. Terry Gilliam, der Filmregisseur und Monty Python-Mitbegründer, wird zum Mann im Wasserglas, und Madonna posiert als Boxer wie einst der Dadaist Raoul Hausmann. Unbekannte bleiben dagegen sicher die „Männer in Unterhosen“, deren Haltung entfernt an heroische Pathosformeln erinnert, zu mehr reicht es nicht – dazu sind ihre Plauzen einfach zu monumental. Für das Projekt „Breeding“ wiederum hat Rankin ein immer wieder beliebtes Thema der Modefotografie aufgegriffen, die Irritation der Androgynität: Männer haben lange Haare und sehen wie Mädchen aus, die Frauen tragen das Haar kurz oder zurückgekämmt wie Jungs. In der Galerie bedecken diese 24 Fotos eine ganze Wand und damit hat es seine besondere Bewantnis. Man muss sie in einem solchen vermeintlich zufällig zusammengewürfelten Arrangement betrachten, damit sich der Reiz des Geschlechterwechsels vollends entfaltet.

Eine Nacht mit Marilyn

Der zweite Teil der Ausstellung präsentiert Bilder, die bereits ein paar Jahre hinter sich haben und auch sonst aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Auch Douglas Kirkland hat Berühmtheiten fotografiert, den jungen Jack Nickolson etwa, mit dezent irrem Blick und brennendem Streichholz zwischen den Zähnen. Bekannt geworden ist Kirkland allerdings durch die Bilder, die er mit Anfang zwanzig von einem der größten und tragischsten Stars des amerikanischen Kinos machte. „Eine Nacht mit Marilyn Monroe“ führt die Schauspielerin als bezwingend schöne, umwerfend charmante Frau vor: Die Serie weich gezeichneter Farbporträts, kürzlich in einem Buch wiederaufgelegt, ist das Dokument eines ausgiebigen Flirts mit der Kamera und demjenigen, der sie bediente. Acht Monate danach setzte die Verzweifelte ihrem Leben ein Ende. Unweigerlich sucht man auf den Fotos nach Hinweisen, die das schreckliche Geschehen ankündigen, aber findet keine.

Im Ganzen ist die Ausstellung symptomatisch für die immer wichtiger werdende Stellung der Fotografie auf dem Kunstmarkt. Neben der „herkömmlichen“, oft den Charakter von Einzelstücken annehmenden Handelsware – den vom Fotografen zur Entstehungszeit eigenhändig abgezogenen Vintage Prints – gibt es seit einigen Jahren noch eine zweite Sparte: edel aufgemachte, äußerst aufwändig gedruckte Reprints von alten Negativen, die meist erheblich günstiger sind.

Darauf hat sich die Galerie Camera Work spezialisiert. Ein Umstand, der Anhängern der reinen Lehre zwar manchmal Sorgenfalten auf die Stirn treibt, Liebhabern von Motiven, die auf die Aura des Originals verzichten können, dagegen viel Freude bereitet. Auf jeden Fall sind die Preise für Kirklands und Rankins Arbeiten vergleichsweise erschwinglich. Sie liegen, je nach Größe des Abzuges, zwischen 1000 und 3000 Euro.

Galerie Camera Work, Kantstraße 149, bis 30. August; Dienstag bis Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.

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