Kultur : Flirt mit Fidel - Wieczorek-Zeul vier Stunden zu Besuch bei Castro

Hans Christoph Buch

Heidemarie Wieczorek-Zeul vier Stunden zu Besuch bei Fidel Castro, im Gespräch über deutsche Entwicklungshilfe für Kuba: Vor zwanzig, dreißig Jahren, in der heroischen Phase der kubanischen Revolution, hätte diese Frage noch Kopfschütteln oder Gelächter hervorgerufen.

Castros Kuba galt damals als Speerspitze der anti-imperialistischen Welt - und deren Nimbus glich einer stolzen Negation all dessen, was die von Willy Brandt ins Leben gerufene Nord-Süd-Kommission als gutgemeinte Empfehlung aussprach und was die Weltbank als Almosen an die ärmsten Länder der Dritten Welt verteilte.

Peanuts nennt man das heute. Einst aber war an Stelle von Entwicklungshilfe Selbsthilfe angesagt. Die Objekte der Geschichte sollten zu Subjekten werden und durch den Export ihrer Revolutionen die großen Industrienationen das Fürchten lehren, wie Kuba dies in Lateinamerika und später in Afrika vorexerziert hat: von Che Guevaras Guerillakampf in Bolivien bis zu Fidel Castros Militärhilfe für das von südafrikanischen Söldnern bedrängte Regime in Angola.

Kaum jemand will noch darüber zu streiten, wann und warum die kubanische Revolution vom rechten linken Wege abgekommen ist und wie die Sowjetunion vom leuchtenden Vorbild zum Zerrbild und zuletzt zum Schreckbild wurde: Ob dies schon beim mühsam kaschierten Bruch zwischen Guevara und Castro geschah oder mit dessen Einschwenken ins sowjetische Lager als Preis für das Geschäft Zucker gegen Öl? Oder ob der Schauprozess gegen den Helden des Angola-Kriegs, General Ochoa, der als angeblicher Drogenhändler 1989 hingerichtet wurde, den definitiven Wendepunkt markiert - solche Fragen sind mittlerweile nur noch von historischem Interesse.

Was heute zählt, ist die Tatsache, dass Kuba, wie einst das Auslaufmodell DDR, seine wirtschaftliche Substanz restlos aufgezehrt hat und sich nur noch durch JointVentures und Tourismus-Einnahmen mühsam über Wasser hält. Das ist nicht nur symbolisch zu verstehen, denn die Flucht auf selbstgebastelten Flößen über die karibische See nach Florida ist trotz eines Repatriierungsabkommens mit den USA nie ganz zum Erliegen gekommen: Nur politisch Verfolgte haben dort Anspruch auf Asyl. Auch der Showdown in den Medien um Elián Gonzalez ging wie das Hornberger Schießen aus. Zwar ist das Revisionsverfahren noch nicht entschieden, aber die Exilkubaner in Miami haben den Bogen überspannt, indem sie den kleinen Elián als neuen Messias feierten, und Fidel Castro steht plötzlich als Verteidiger von Familienwerten da, die er früher mit Füßen getreten hat.

Die Visite der deutschen Ministerin erfolgte im richtigen Augenblick. Es gehört freilich weder besonderer Weitblick noch Mut dazu, das gegen Castro verhängte Embargo in Frage zu stellen, unter dem wie in Serbien oder im Irak die Zivilbevölkerung leidet, während Kubas Nomenklatura es spielend umgeht - die EU-Staaten, allen voran Spanien, halten sich eh nicht an die Blockade der USA.

Trotzdem ist Wieczorek-Zeul blauäugig, wenn sie glaubt, Fidel Castro mit ein bisschen Goodwill zur Liberalisierung oder gar zur Demokratisierung seines Regimes bewegen zu können. Der "Wandel durch Annäherung" funktioniert hier nicht, weil die Geschäftsgrundlage der deutschen Ostpolitik, die Drohung beider Bündnisse mit einem Atomkrieg, der ganz Mitteleuropa vernichtet hätte, in der Karibik entfällt.

Wie in jedem totalitären Staat hat Castro Reformen nur in Teilbereichen und stets nur auf Widerruf gewährt; und die Frage einer westlichen Journalistin, ob er nicht bald in Rente gehe, beantwortete er mit dem rhetorischen Satz: "Un revolucionario nunca se retira" - ein richtiger Revolutionär zieht sich nie aufs Altenteil zurück.

Die Bundesrepublik sollte in dieser Situation einen Preis verlangen, ehe sie einseitige Konzessionen macht. Richtig wäre zum Beispiel ein erneuter, nachdrücklicher Versuch, endlich die Eröffnung eines Goethe-Instituts in Havanna durchzusetzen. Es ginge dabei auch um die Betreuung der 20.000 Kubaner, die als Studenten und Kontraktarbeiter in der DDR deutsch gelernt haben. Selbst diesen bescheiden pragmatischen Vorschlag, über den schon seit Jahren verhandelt wird, hat der Große Führer durch persönlichen Einspruch zu Fall gebracht.

Allerdings sollte die Bundesrepublik ihre Einflussmöglichkeiten in der Karibik nicht überschätzen. Deutschland ist hier weder als Blockadebrecher geeignet noch als Vermittler zwischen Kuba und den USA. Deren Monroe-Doktrin verbietet jede europäische Einmischung in der Region - und das seit 1823, lange vor der Weltpolizisten-Rolle der USA.

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