Kultur : Floral ornamental

PETER JÄGER

Über sechzig Jahre nach seinem Dahinscheiden war Großherzog Ernst Ludwig auf einmal wieder da. Im seidenen Morgenmantel mit rubinrotem Revers, ganz Fin de siècle, trat Hessens letzter Regent auf die Bühne des Darmstädter Staatstheaters und donnerte emphatisch: "In Hessen wird wahr, wovon anderswo noch nicht einmal geträumt werden darf!" Joseph Maria Olbrich, des Großherzogs Zwillingseele, präzisiert mit weit ausholender Armbewegung Ernst Ludwigs Vision: "Große Flächen, klare Linien - "die Schönheit in den Alltag einziehen lassen". Das Zwiegespräch zwischen dem Großherzog und seinem Künstlerfreund, zurechtgeschneidert aus Original-Zitaten, bildete den Auftakt der Feiern zum hundertjährigen Bestehen der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe.

Anfang 1899 bedrängte Olbrich den Großherzog, eine Schule für modernes Kunstgewerbe ins Leben zu rufen. Der Überdruß am überladenen Gründerzeitstil mit seinem maskenhaften Prunk lag kurz vor der Jahrhundertwende förmlich in der Luft. "Wenn wir nicht rasch handeln, werden uns binnen Monaten Dresden, München oder Berlin zuvorkommen", beschwor Olbrich den Großherzog. Der reagierte schnell, doch nicht mit der Gründung einer Schule. Er berief sieben ihm bekannte Künstler aus Kunstgewerbe, Malerei und Architektur nach Darmstadt. "Die ersten Sieben" lautet deshalb der Titel einer Ausstellung, die das Museum der Künstlerkolonie aus Anlaß seines Jubiläums den Darmstädter Pionieren gewidmet hat. Sie soll die Lebensläufe dieser ersten von 23 Künstlern nachzeichnen, die zwischen 1899 und 1919 auf der Mathildenhöhe lebten und arbeiteten.

Der jüngste von ihnen (Patriz Huber) war zwanzig, Joseph Maria Olbrich zählte als ältester gerade 32 Jahre. Zusammengestellt wurden Skulpturen und Architekturprojekte, vor allem aber die angewandte Kunst der sieben Darmstädter Pioniere. Schmuckarbeiten, Möbel und Haushaltsutensilien - vom weit geschwungenen Lehnsessel über Silberkannen bis zum Küchenhandtuch. Peter Behrens - der als Maler ausgebildet war - ist mit seinen berühmten weiß-roten Rubingläsern ebenso vertreten wie mit einem Porzelanservice, Bronzearbeiten und frühen Gebäudeentwürfen. Diese erstaunliche Universalität in Materialwahl und Gestaltungsaufgabe zeichnete auch seine Mitstreiter aus.

Auf dem vom Fürsten gestifteten Hügel, der Mathildenhöhe, errichtete Olbrich, zentraler Kopf der Gruppe, in nur zwei Jahren fast alle erforderlichen Bauten. Am 15. Mai 1901 konnte Ernst Ludwig stolz das Ergebnis seiner mäzenatischen Großtat präsentieren: acht komplett eingerichtete Künstlerhäuser, skulpturengesäumte Freianlagen und das Ausstellungsgebäude mit seinem ovalen, von Monumentalfiguren gesäumten Portal als Herzstück der Anlage.

Das "Woher" und "Wohin" der Künstler in ihre Porträts einzubeziehen, ist eine gute Idee. Denn anhand ihres Werdegangs läßt sich eine Frage beleuchten, die immer wieder aufscheint, wenn es um die Rolle des Jugendstils an der Schwelle zur Moderne geht: War er Frühphase der Moderne oder aber eine letzte Stilrichtung des 19. Jahrhunderts, die in der Sackgasse endete? Die Biographien der "ersten Sieben" scheinen diese Frage klar zu beantworten: Sackgasse. Die bemerkenswerteste Ausnahme bildet Peter Behrens. Er war der einzige unter der Erstbesetzung der Mathildenhöhe, der nach seinem Weggang aus Darmstadt den Zenit seines Schaffens noch vor sich hatte. In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts setzte er als Architekt und Chefdesigner der AEG Meilensteine der Moderne, wie seine berühmte "Turbinenhalle" in Berlin-Moabit.

Im Gegensatz zum Visionär Behrens gerät die Mehrzahl der Künstler nach ihrer Zeit auf der Mathildenhöhe ins Abseits. Zu den letzten vier Lebensjahrzehnten des um 1900 höchst erfolgreichen Malers und Textilgestalters Hans Christiansen heißt es im Ausstellungstext lakonisch, daß er malte und "philosophische Schriften" verfaßte. Ebenso Paul Bürck: Er war 1899 zwanzigjährig als jüngstes Mitglied in die Kolonie eingetreten. Als "Flächenkünstler" entwickelte er mustergültige Dekors für Tapeten, Fliesen und Textilien. Doch noch 1917 - der Jugendstil hatte sich lange überlebt - entwarf er einen Bucheinband in Floralornamentik pur. So gewinnt das Wort "Jugendstil" in der Ausstellung einen eigenwilligen Doppelsinn: Die Mehrzahl seiner Vertreter kostete nur wenige Jugendjahre vom Ruhm der Avantgarde, bevor ihr Stern wieder sank.

Allerdings schlägt nicht nur Behrens erfolgreich die Brücke zur Moderne: Die wenigen Arbeiten Patriz Hubers, die in der Ausstellung zu sehen sind, scheinen ihm einen ähnlichen Weg vorzuzeichnen wie Behrens. Doch nimmt sich der vierundzwanzigjährige Huber 1902 das Leben.

Auch Joseph Maria Olbrichs Arbeit wies in die Zukunft: schon vor Darmstadt ein gefeierter Künstler der Wiener Secession, gehörte er neben Behrens 1907 zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Werkbundes. Sein im Jahre 1905 als Geschenk zur zweiten Vermählung des Großherzogs erbauter sogenannter Hochzeitsturm wurde zum Wahrzeichen der Künstlerkolonie. Mit seiner flächigen Klinkerfront, der eleganten, fünfzinnigen Turmkrone und den übereck laufenden Fensterbändern weist der Bau weit in die Moderne.

Im Museumskatalog verdeutlicht eine Gegenüberstellung von Fliesenentwürfen aus den Jahren 1901 und 1904, wie schnell es Olbrich, Behrens und Christiansen gelang, den klassischen Jugendstil hinter sich zu lassen: Anstelle wuchernder Blumenranken gliedern drei Jahre später ruhige, flächige Geometrien die Kacheln. Der Stil war also durchaus entwicklungsfähig. Doch um konsequent in die Moderne vorzustoßen, bedurfte es letzlich nicht der Abwandlung, sondern des Bruchs mit dem Formenkanon des Jugendstils. Außer Behrens und dem 1908 verstorbenen Olbrich gelingt dieser Sprung aber keinem der "ersten Sieben" überzeugend. So erscheint als das eigentliche Vermächtnis der Jugendstilzeit an das neue Jahrhundert weniger ihr Formenschatz denn das mit dem sozialreformerischen Aufbruch eng verwobene Ziel, auch Architektur, Einrichtung und Bekleidung ("Reformkleid") radikal zu erneuern. Die Ergebnisse dieses Projekts erscheinen heute weniger konsequent, aber auch ungleich menschenfreundlicher als die späteren Exerzierfelder der Moderne.

FRANK

Museum Künstlerkolonie Darmstadt, bis 30. Januar 2000. Buch "Künstlerkolonie Mathildenhöhe 1899-1914", Darmstadt 1999, 30 DM. Programminfo unter Tel. 06151/13 33 46.

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