Kultur : Fluch der Hirschkuh!

MARION AMMICHT

Die Frau hat es gleich geahnt. Das kreisrunde Zentrum im Wald ist nicht der rechte Platz. Doch wie das so ist, hört Mann nicht auf sie, weil seit Vätergenerationen fluchbeladen, Jäger und stur sowieso. Mitten in der Heimat der Hirsche also siedelt Hazer Bey und raubt gar noch - Opfer muß sein! - den Hirschen eine trächtige Kuh. Wie ein Häuflein Elend stehen die Vertriebenen - halbnackte Glatzen-Männer mit silbernen Hirschgeweihzeichnungen auf Augen und Stirn und nichts als einem schwarzen String am Po - kauernd und trippelnd am linken Bühnenrand. Ihre Rache ist fürchterlich: Als Schicksalsdämonen werden sie Bey und sein ganzes fluchbeladenes Geschlecht fortan auf kleinen, fahrbaren Bühnenkarren miteinander, gegeneinander und durcheinander von einer tragischen Verstrickung zur anderen schieben und ziehen.

Soweit die Vorgeschichte. Doch so wie der kurdische Autor Murathan Mungan die Chronologie der Ereignisse im dritten Teil seiner Mesopotamien-Trilogie, die in der Inszenierung Mustafa Avkirans vom Türkischen Staatstheater Ankara beim Berliner Festival "Theater der Welt" gastiert, ineinander verschachtelt hat, ist das erst im sogenannten dritten Spiel zu sehen. Den Rahmen von "Geyikler Lanetler" ("Von Hirschen und Flüchen"), bildet nun eine kleine Hirsch-Fluch-Folge-Tragödie. Obwohl das befragte abgeschlagene Haupt hartnäckig schweigt, verkündet die Stammherrin Cudana, ihr seit sieben Jahren verschollener Sohn Kasim sei tot, und seine Witwe Suveyda müsse darum dessen Zwillingsbruder Nasir heiraten. Da beim Hochzeitsfest prompt "jemand aus der Fremde auf weißem Roß" gemeldet wird und es sich dabei - Fluch der Hirsche! - um den quicklebendigen Kasim handelt, könnte die tragische Angelegenheit bereits im Bruderkampf ihr katastrophisches Ende finden.

Doch jetzt, verflucht, läuft die Geschichte erst einmal rückwärts bis zum Sündenfall im dritten Spiel. Wir erfahren unter anderem, daß Cudana, von Aysenil Samlioglu im Teppich-Kordel-Turban-Look wenig rehäugig, aber vehement klagend gespielt, eigentlich selbst einmal eine Hirschkuh war, die während einer orgiastisch-dionysischen Verwandlungs-Veranstaltung des omnipräsenten, trommelnden Frauen-Chores in eine Frau verwandelt worden ist. Eine der vielen Identitätsprobleme des Stücks, mit denen man ein anthropologisch-theaterwissenschaftliches Seminar drei Semester lang füttern kann. Doch im Theater hängt die Dramaturgie bereits an dieser Stelle mächtig durch. Nichts ist in Avkarins pseudobrechtischer Inszenierung von den vielen Perspektivwechseln und den unterschiedlichen Assoziationsebenen in Mungans Text zu sehen. Eine Lichtregie findet quasi nicht statt, und auf den symbolträchtig immer wieder umgruppierten Theaterkarren stehen beim Gastspiel in der Schaubühne pathetisch psalmodierende Schauspieler, die mit wenigen, aber reichlich überzogenen Gesten agieren. Auch der Reiz der fremd klingenden Sprache verliert sich schnell. Und daß die hysterisch herumirrende Maus auf der Leinwand mit der Oberbetitelung immer wieder die falschen Textdateien und zuletzt gar nichts mehr anklickt, trägt auch nicht gerade zur Rettung des Abends bei.

Über drei Stunden ohne Pause dauert es, bis wir alles über Kureysa und Hazer Bey und über Cudana und Mustafa Bey wissen und, ab dem dritten Spiel wieder vorwärts erzählt, im siebten Spiel endlich wieder bei der dritten Generation, bei Suveyda und den Brüdern Nasir und Kasim, angelangt sind. Letztlich war es dann so, daß Kasim die Sache nicht überlebt hat. Alles, was dem, der das abgesessen hat, ist ein Stück Erinnerung: "Theater der Welt" hatte früher, in anderen Städten, Aufführungen wie Peter Brooks "Mahabarata" und die "Atriden" von Ariane Mnouchkine eingeladen. Von diesem Niveau kann man in Berlin bisher nur träumen.

Noch einmal heute, Schaubühne, 20 Uhr

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