Kultur : Flucht nach Ägypten

BORA COSIC

In meiner Jugendzeit waren die Aufnahmen eines Meisterfotografen aus dem Befreiungskrieg berühmt.Er hieß Skrigin, fotografierte unsere jugoslawischen Rebellen, die sich gegen den Faschismus erhoben und hinterließ ein Dokument über die Leiden seines Volkes, das vor den Panzern in die Wälder floh.Heute sehe ich diese Bilder im Licht der Kampagne im Kosovo wieder an.Nur begreife ich jetzt, daß mein Volk dasjenige ist, das mit seinen Panzern schwache Menschen, Alte und Kinder verfolgt.Und daß meine heroische Nation dieselbe Rolle spielt wie vor einem halben Jahrhundert die Soldaten Deutschlands.

Es gibt keine Kameraleute mehr im Kosovo, niemand informiert über die Vorgänge zwischen Pristina und den albanischen Bergen.Aber das Neue Testament, das einen Mythos oder eine wahre Begebenheit erzählt, hat bis in unsere Tage eine Spur davon bewahrt, wie ein ganzer Stamm der Gewalt ausgesetzt war.Alle Kinder eines Landstrichs sollten getötet werden, nur weil unter ihnen ein möglicher neuer Prophet war.Es war die Idee des Königs Herodes, die heute wieder wie ein Geist des Bösen über meinem Land schwebt.Einst existierte dort ein Prinz, Bonvivant und Sammler von Renaissancegemälden.Das ist mehr als ein halbes Jahrhundert her.Jetzt residiert in seinem Schloß ein Gewalttäter, dessen Gang durch die Geschichte blutige Spuren hinterläßt.Es gibt in Dostojewskis Roman über die Dämonen einen bösen Geist, Terroristen und Unmenschen, der den Eindruck einer sehr besonderen Person verbreitet.Mit der sich kaum jemand messen kann.So verübt Pjotr Stepanowitsch Werchowenski eine Untat nach der andern, ein Verbrechen nach dem andern, und seine Popularität wächst immer weiter.Dennoch erlebt er am Ende seines Weges, daß er als kurzsichtiges, stupides und jämmerliches Subjekt bezeichnet wird, das keinerlei Genialität besitzt.Das nur den Jammergestalten um sich Vertrauen einflößt, in Wirklichkeit jedoch ein Vagabund ist, der ohne Idee und Plan handelt, außer daß diese Idee destruktiv und mörderisch ist.Die Menschen meines Volkes jedoch merken einfach nicht, daß sie unter dem Regiment eines Lumpen stehen.Und veranstalten auf ihrem zentralen Platz ein großes Fest.Zu Ehren ihres wunderbaren Landes, ihrer unbesiegbaren Armee und ihres geliebten Führers.Der Clou dieser Fete ist, daß die Fenster der französischen Bibliothek eingeschlagen und die Bücher europäischer Dichter auf die Straße geworfen werden.

Nur daß diese ruhmbekränzte Armee in unserem unglücklichen Bethlehem zu einem Haufen von Brandstiftern geworden ist.Nur weil sich unter den Opfern vielleicht ein kleines Kind befindet, das später zum Propheten werden könnte.Der Mythos wickelt dieses Kind in Lumpen und schickt es auf einem Maultier nach Ägypten.Vielleicht ist der Geist des albanischen Volkes heute, in Lumpen gehüllt, auf dem Weg durch Fels und Schnee des Prokletija-Gebirges.Der deutsche Leser sollte wissen, daß der Name dieses Gebirges von dem Wort "prokletstvo" herkommt.Es bedeutet "Flucht".Denn das Ägypten in unserer Erzählung befindet sich auf einem Gebiet, wo die Menschen selber arm und bedrückt sind.So daß man kaum glauben kann, sie könnten jemandem helfen.Diesem Volk auf der Flucht kann niemand helfen.Außer daß wir eine alte biblische Legende noch einmal erzählen.Wer heute schreibt, kann nur auf möglichst würdige Weise wiederholen, was schon einmal geschrieben wurde.Denn das Ereignis, das wir schildern, war schon einmal.Wir dachten, es würde sich nie wiederholen.Aber da die Menschen keine Bücher lesen, werden Fehler wiederholt, die schon einmal gemacht wurde.So wiederholt mein Volk den Fehler einer Gesellschaft, die den Mord an den Kindern einer ganzen Provinz ruhig hinnahm.Nur die Mutter jenes getöteten Kindes konnte über dem kleinen Leichnam aufschreien.Die heutige Rahel aus Djakovica oder Suva Reka schluchzt, und ich versuche, ihr meine Stimme beizugesellen.Das Weinen um ein totes Kind hätte keinen Sinn, wenn wir nicht glaubten, daß jener in Lumpen gehüllte Geist eines Volkes den Schnee der Gebirge überwinden könnte.

Im Matthäus-Evangelium heißt es, daß die kleine Schar, die nach Ägypten aufgebrochen war, von dort zurückkehren wird, wenn Herodes vom Hof verschwunden ist.Und dann wird das Leben weitergehen.

Cosic zählt zu den wichtigsten Schriftstellern Serbiens.(Übersetzung: B.Antkowiak).

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