Kultur : Flucht nach Offenbach in sterniger Nacht

Georg-Büchner-Preis: F. C. Delius beleuchtet eine Urszene im Schaffen des revolutionären Dichters

Bettina Engels
Foto: dapd
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Mit der Verleihung des Georg-Büchner-Preises ging am Samstagnachmittag in Darmstadt nicht nur die Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zu Ende, sondern auch die Amtszeit des Akademiepräsidenten Klaus Reichert. In freundschaftlich-ironischem Ton lobte der Frankfurter Anglist den von ihm ausgezeichneten „Wetterauer Deutschrömer“ Friedrich Christian Delius für seine „aufrüttelnde Büchner-Interpretation“.

Delius hatte sich in seiner Dankesrede auf einen Augenblick im Leben Büchners kapriziert, den er aus einem Brief Büchners an die Eltern rekonstruierte, im Rückblick auf ein eigenes Gedicht imaginierte und poetologisch in Dienst nahm. Gemeint war eine Nacht im August 1834: Nachdem die ersten Exemplare der klandestin gedruckten Revolutionsschrift „Der hessische Landbote“ durch den Verrat eines gewissen Konrad Kuhl in die Hände der hessischen Behörden geraten sind, läuft Büchner nachts von Gießen nach Butzbach und weiter nach Offenbach, um seine Mitstreiter zu warnen.

„Und Büchner wandert bei sterniger Nacht / nach Offenbach“ – so hatte Delius den Moment im Gedicht „Butzbach, zum Exempel“ vor 46 Jahren festgehalten. Nun gab er im Staatstheater Darmstadt eine Kostprobe jener „heiteren Kompromisslosigkeit“, die er für seine Kunst in Anspruch zu nehmen gedachte: Nicht der Minimalismus störte ihn angesichts dieser knappen Spur, die Büchner in seinem Werk hinterlassen hat, sondern die unachtsame Wortwahl des „Wanderns“. Irgendwie sei Büchner zwar zu Fuß von Butzbach nach Offenbach gelangt, gewandert aber sei er sicher nicht. Die Formulierung stamme aus einem Brief, mit dem Büchner seine Eltern zu beruhigen versuchte – eine glatte Lüge.

Was Delius mit Büchners überstürztem Aufbruch und den dramatischen Ereignissen der fraglichen Nacht stattdessen verbinden wollte, war das Ende politischer Illusionen. Büchners Einsicht, dass sein revolutionäres Experiment gescheitert war, habe erst die „poetischen Energien“ freigesetzt, denen sich sein literarisches Werk verdanke. Eine vergleichbare „Urszene“ nahm er auch für das eigene Schaffen in Anspruch: So sei die gewaltsame Auflösung eines Sitzstreiks, mit dem Berliner Studenten 1966 vor dem Amerikahaus gegen den Vietnam-Krieg demonstrierten, für ihn Anlass zum entscheidenden Rollenwechsel gewesen. Die 1997 erschienene Erzählung „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“ greift jene Episode auf, die den ehemaligen Politaktivisten zu einem politisch aufmerksamen Beobachter werden ließ.

Obwohl ihm das Etikett des politischen Schriftstellers oft angeheftet wurde, um seine künstlerische Autorität in Frage zu stellen, erntete Delius den schönsten Beifall für seine Invektiven gegen die Rohstoffhändler in den Banken, die dubiosen Wirtschaftskarrieren abgehalfterter Politiker, die europäische Abschottung zumal vom afrikanischen Rest der Welt oder die selektive Art und Weise, in der hierzulande demokratische Notstände wahrgenommen werden. Das wundert nicht, denn schließlich ehrte man ihn, wie es in der Begründung heißt, als „kritischen, findigen und erfinderischen Beobachter, der mit politisch hellwachen, ideologieresistenten Texten die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erforscht“.

Für sein beharrliches Ringen mit dem sperrigen politischen Stoff fand Delius’ Laudatorin Sybille Lewitscharoff ein eindringliches Bild. Sie pries ihn als „einen Schriftsteller, der mehr als nur ein heißes Eisen angefasst und dabei kühlen, will heißen: klugen Kopf bewahrt hat“. Zu den literarischen Leistungen dieses „integren Mannes“, der „viel zur Demokratisierung der Bundesrepublik beigetragen“ habe, zählte Lewitscharoff seine fiktive Denkschrift des Siemens-Konzerns, mit der Delius nicht zuletzt wegen des juristischen Nachspiels 1972 bekannt wurde („Unsere Siemens-Welt“), seine narrative Aufarbeitung der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer von 1981 („Ein Held der inneren Sicherheit“), seine klaustrophobische Verdichtung der „Landshut“-Entführung („Mogadischu Fensterplatz“) sowie das Experiment der psychologisch-poetischen Durchdringungen eines folgenschweren Lapsus („Flatterzunge“).

Zwei Erzählungen aber stellte sie als Meisterwerke über alle anderen und trug damit besonders der „menschenfreundlichen Sensibilität“ Rechnung, mit der auch der Urkundentext seinen Schlussakkord setzt. Für die beiden autobiografischen Bücher über den Vater („Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“) und die Mutter („Bildnis der Mutter als junge Frau“) sind die Umstände zwar konstitutiv – die deutsche Provinz in der Adenauer-Ära hier, das faschistische Rom der letzten Kriegsjahre dort –, sie werden aber, so Lewitscharoff, eher „beiherspielend“ erhellt.

In dem Text über das Fußballwunder von Bern transponiert der Ich-Erzähler die gottesfürchtige Sprachgewalt kunstvoll in sprachliche Sensibilität. Mit der zwölf Jahre später folgenden Huldigung an die Mutter sei dem Autor ein doppeltes Kunststück gelungen: eines der seltenen, nicht „von Groll und Bitterkeit angefressenen“ Bücher über Mütter zu schreiben und selbstironisch die Münchhausen-Vorstellung eines Winzlings zu evozieren, der im Bauch der Mutter „schon im Begriff ist, mit den Schreibfingerchen zu spielen, um zu einem Friedrich Christian heranzureifen“.

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