Kultur : Flucht nach vorn

HELMUTH KARASEK

Die Geschichte eines Bildes: Wie Gerhard Schröder aus seinen privaten Blessuren politisches Kapital zu schlagen sucht.VON HELMUTH KARASEKEs gibt große Männer, die lieben es, mit (ihren) kleinen Frauen fotografiert zu werden, in der Herrscherpose, in der Beschützerrolle.Gerhard Schröder, Ministerpräsident von Niedersachsen und Möchtegern-Kanzlerkandidat der SPD, ist ein solcher Mann: So stark, daß er gern die Arme über die Brust verschränkt, im Jeans-Hemd aus allen Nähten platzt.Und die Frau an seiner Seite, die hievt er hoch, damit sie geborgen in seiner männlichen Nähe sitzen kann, sie blickt zu ihm auf, er blickt ins Weite, schließlich ist er Staatsmann, und sie faßt schon mal, schüchtern, zärtlich, besitzergreifend nach seinem vollen Oberschenkel. Ein solches Bild ging am Wochenanfang um die Welt, bleiben wir bescheiden: durch die deutschen Zeitungen; Schröder war wieder dabei, seine "Neue" der Öffentlichkeit als Trophäe zu präsentieren.Das Politikum an diesem Foto: es zeigt Schröder und Doris Köpf (die Klammern in den Bildunterschriften vermerken den Altersunterschied: 53 zu 34) nicht allein, sondern zusammen mit Oskar Lafontaine, ebenfalls 53 mit seiner Ehefrau Christa Müller (das Verhältnis bei diesem Paar 53 zu 41).Das Foto ist keinem Überfall wildgewordener Paparazzi in die gehütete Privatsphäre zweier Politiker und ihrer blonden Lebensgefährtinnen zu danken, (frei nach "Faust": "Sie ist die erste nicht"), nein, das Bild ist in seiner Ferien-Idyllik, in seiner Zweimalzwei-Harmonie so gestellt, wie es die Hofaufnahmen der Windsors in glücklichen Jahren waren; das Foto verströmt Harmonie: Sonnenlicht, Natur, Freizeit, Freizeitlook. Solche Bilder wollen etwas; sie sollen etwas sagen; sie künden von einer zwiefach prästabilierten Harmonie; es ist die Harmonie zweier Männerfreunde, Oskar und Gerhard, Gerhard und Oskar.Und es ist die Harmonie zweier Paare, die aussehen, als seien sie für immer, seit immer füreinander da.Die glorreichen Vier, die glücklichen Zweimalzwei sehen aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben, als könnte ihnen niemand ein Wässerchen trüben, als könnte niemand in ihre Suppe spucken."Bei dem kleinen Örtchen Mettlach trafen sie sich zur gemeinsamen Familienwanderung." Örtchen - mein Gottchen. Ein Bild, so lautet eine alte Journalistenregel, sagt mehr als tausend Worte.Am meisten sagen Bilder, die so offenbar nichtssagend sind, die nichts sagen wollen: sie schreien nach Verrat. Jeder, der in dieser Republik auch nur zwei und zwei addieren, respektive: subtrahieren kann, weiß, daß Schröder und Lafontaine (zumindest, seit Lanfontaine Scharping aus dem Weg geräumt hat) Rivalen bis aufs Messer um die SPD-Kanzlerkandidatur sind.Schröder hatte die Umfragen, die ihn seine muskelstrotzende Popularität bestätigten, auf seiner Seite; Lafontaine, dessen Napoleon-Image unter seinem schmallippigen Funktionärs-Eifer und seiner Grundsatzpapier-Treue leidet, konnte sich im Grunde nur auf Schröders Eskapaden verlassen: er machte nur Punkte, wenn der vor Machtgier ausscherende Schröder sie verlor. Natürlich vertreten die beiden auch, was denn sonst?, zwei Grundlinien der Partei, mit der die ran an den Speck wollte.Lafontaine verkörperte die Treue zur alten Basis, die Nestwärme der partei; Schröder, der Nestflüchter, den offenen, durch keine Scheuklappen gebremsten Aufbruch zu neuen Ufern. Und da traf es sich gut für Niedersachsens Ministerpräsidenten, der einen Spagat zwischen VW und Ökologie zu machen hatte, daß er die Opposition im eigenen Bett hatte: Gerhard und Hillu Schröder, das war das deutsche Politiker-Traumpaar, das in für deutsche Verhältnisse ungewohntem Ausmaß Privatleben und Amt als die eine öffentliche Sache erscheinen ließ: Niedersachsens rotes Königspaar, die Clintons von der Leine: solche Vergleiche wirkten für "die Schröders" nicht lächerlich, sondern schmeichelten; Publicity des Privaten als Vehikel der politischen Karriere.War er der Pragmatiker, der wußte, daß man Arbeitslosigkeit nicht gegen die Industrie bekämpfen kann, so war sie die Romantikerin, die die Biotope schützte und die bedrohten Tierarten.Wo er mit kräftigen Zähnen ins rosa gebratene Fleisch biß, war sie vegetarisch sanft, naturschützerisch grün; die kleine, aber bestimmte Frau, die den großen Jungen zähmte. Um es mit dem Vokabular der Illus und Boulevardzeitungen zu sagen (derer sich die Schröders als Paar so gerne bedienten): dieses werbewirksame Glück zerbrach.Und seither muß Schröder allein durch die Politlandschaft toben und rechts von der SPD Wähler suchen (wenn er etwa die Abschiebung krimineller Ausländer im saloppen Interview fordert), ohne daß Hillu ihm besänftigend zur Seite steht als sein guter ökologischer, linksliberaler Engel. Im Gegenteil: Seit letzter Woche schlägt die Verlassene gekränkt zurück.In einem Interview mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ließ sie durchblicken, daß ihr Mann nicht nur sie, sondern auch sämtliche Prinzipien seiner Partei über Bord geworfen und verraten habe.Daß er kein Geld für die (einst) gemeinsamen herzkranken Hunde aufwende, kein Interesse für die Töchter mehr aufbringe, den Unterhalt schuldig bleibe, geizig sei.Alles in dem Tenor, sie wolle ja nichts Schlechtes sagen! Lafontaine, um auf das Bild und die beiden Männerfreunde zurückzukommen, kennt dergleichen aus eigener leidvoller Erfahrung.Auch bei seiner letzten Scheidung wurde schmutzige Wäsche gewaschen, auch er wurde des Geizes bezichtigt.Vielleicht schon deshalb sieht das Bild der glücklichen Vier wie eine Persil-Werbung aus, saubere Wäsche vor grüner Landschaft.Lafontaine kann sich die Punkte ausrechnen, die ihm das gemeinsame Bild bringt: die Gegenwart bleicht die Vergangenheit. Im O-Ton der Beiden.Lafontaine: "Wir haben versprochen, uns nicht in die Haare zu kriegen." Schröder: "Klar, der Oskar hat ja kaum noch welche!" Der Volksmund sagt da: "Was sich liebt, das neckt sich!", dem Gedächtnis kommen die Waldwanderungen eines gewissen Helmut Kohl und eines bestimmten Franz-Josef Strauß in die Quere, die auch beide kandidieren wollten und sich nur dann ein Bein stellten, wenn niemand zuschaute, und es doch alle sahen. Schröder, der nach seiner neuen Liaison, was Liebe und Popularität betrifft, nach dem Motto: "Köpf oder Zahl" zu handeln scheint, hat sich schnell durch Umfragen bescheinigen lassen, daß sein Ehekrieg seiner Kandidatur nichts schadet: 82 Prozent der Männer und 73 Prozent der Frauen sagten, daß die "Eheauseinandersetzung" nicht "mit der Politik vermengt" werden solle. Und die (wiederum) kleine Frau, die sich hilfsbedürftig an den großen Mann kuschelt, entspricht sie nicht mehr dem neuen Wähler-Potential auf das Schröder aus ist? Schröder ist auf dem Foto blessiert, er hat Wunden am Mund, Folgen eines Fahrradunfalls auf der Insel Juist.Er ist der Mensch, zeigt er, der aus seinen Blessuren Vorteile schlägt.Es geht nicht nur um die Currywurst.Diesmal geht es um die Wurst.

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