Kultur : Flucht nach vorn

POP

Jens Thomas

Liebe Lieder gegen die böse Welt: Im WMF erobert die Berliner 80er-Retro-Popband Mia mit ihrer Parole „Ich hasse den Krieg“ die Herzen einer nach Spaß suchenden Masse. Zuvor konnten etliche DJs und Musiker keine rechte Stimmung erzeugen. Doch als Mia die Bühne betritt, folgt das Publikum lauthals mit ausgestreckten Zeigefingern den Appellen von Frontfrau Miez.

„Ich liebe das Leben“, schreit sie von der Bühne und reißt die Zuschauer mit. Ganz in Gelb ragt sie mit klassischem Achtzigerjahre-Haarschnitt zwischen den in Rot gekleideten Gitarristen und Bassisten hervor. Dabei weiß man nie so recht, bei welchen Retro-Größen sich Miez eigentlich bedienen will. Mal erinnert sie an Siouxsie and the Banshees, mal glaubt man, sie wolle Punk-Star Nina Hagen nacheifern.

Mia gehört zweifellos zu den angesagtesten Bands der Berliner Szene. Als sie sich dann ausdrücklich als Berliner Combo ausweist, erntet sie zustimmenden Applaus von einer Hörerschaft, die am Wochenende der Love Parade ein bisschen Lokalpatriotismus anscheinend gut gebrauchen kann. Denn das Techno-Spektakel wird mehr von den Gästen dominiert als von der heimischen Szene.

Immer wieder geben sich Mia öffentlich politisch. Doch in diesem Jahr führen sie den als unpolitisch verschrieenen Love-Parade- Zug an. Das schien ihnen auf der Bühne selbst etwas unangenehm zu sein. Aber Miez hat eine passende Waffe bereit: Peinlichkeit lässt sich am Besten mit demonstrativer Offenheit übertünchen, sie ergreift die Flucht nach vorn, langt zielstrebig in ihre Schminktasche und trägt vor versammeltem Publikum knalliges Lippenstift-Rot auf. Ein netter Versuch.

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