Kultur : Fluchtpunkt Raffael

Von europäischem Rang: Die Dresdner Sempergalerie mit den Alten Meistern feiert 150. Geburtstag

Bernhard Schulz

Vor 150 Jahren, am 25. September 1855, wurde der Neubau der Dresdner Gemäldegalerie von Gottfried Semper eröffnet. Der breit gelagerte Gebäuderiegel schließt das Wunderwerk des Zwingers harmonisch und zugleich eindrucksvoll gegen den Theaterplatz hin ab, das seit 1878 von Sempers (zweitem) Hoftheater beherrscht wird. Das Museum wird heute Sempergalerie genannt, das Theater Semperoper – mehr an Ehrung ist kaum je einem Architekten widerfahren. Da versteht es sich von selbst, dass die Museums-Jubiläumsfeier am vergangenen Sonntag in der Semperoper abgehalten wurde. Im Grunde ist es ein doppeltes Jubiläum: Denn der Wiederaufbau der kriegszerstörten Galerie wurde vor genau fünfzig Jahren beschlossen, als die Sowjetunion einen Großteil der zehn Jahre zuvor beschlagnahmten Museumssammlungen an die im Bombenhagel des 13. Februar 1945 nahezu untergegangene Stadt zurückgab und damit jenen bürgerlichen Lebenswillen beflügelte, der sich im Wiederaufbau der demnächst einzuweihenden Frauenkirche erneut manifestiert.

Ein Jubiläum markiert auch das Erscheinen des zweibändigen Gesamtkatalogs der Dresdner Bestände – des ersten Gesamtverzeichnisses seit 75 Jahren. 730 Bilder sind derzeit im Semperbau ausgestellt, 3000 Werke umfasst der – vollständig abgebildete – Gesamtbestand einschließlich der gleichfalls dokumentierten Kriegsverluste. Ursprünglich bedeckten heute unvorstellbare 2300 Bilder fugenlos die Wände der Galerie – gleichwohl, so Museumsdirektor Harald Marx, müsse er sich gelegentlich Kritik an seiner angeblich zu dichten Hängung anhören!

Anders ausgedrückt: Das Museum, das heute gefeiert wird, ist nicht mehr das der Erbauungszeit. Aber es steht in einer unmittelbaren Tradition, auf die stolz zu sein Dresden allen Grund hat. Denn bereits 1746 wurde im vormaligen Stallgebäude am Neumarkt, das für diesen Zweck vollständig umgebaut worden war, die Königliche Galerie als öffentliches Museum eingerichtet. Das war ein Ereignis von europäischem Rang. Winckelmann, der Begründer des Klassizismus, pries den sächsischen Herrscher (und polnischen König) August III. mit den Worten, es sei „ein ewiges Denkmal der Größe dieses Monarchen, dass zur Bildung des guten Geschmacks die größten Schätze aus Italien, und was sonst Vollkommenes in der Malerei in anderen Ländern hervorgebracht worden, vor den Augen aller Welt aufgestellet ist“. Goethe kam bereits als Student aus Leipzig herüber. Beim Besuch 1768 empfand er „ein Gefühl von Feierlichkeit“, ähnlich jener Empfindung, „womit man ein Gotteshaus betritt“. Der im Treppenhaus der Sempergalerie verewigte Gruß „Willkommen im Heiligthume der Kunst“ folgt der zutiefst romantischen Vorstellung einer „Kunstreligion“.

Dresden zählt mit München und Berlin zum Dreigestirn der bedeutendsten deutschen Altmeistersammlungen. Der Bau der Sempergalerie geschah in Antwort auf die bahnbrechenden Vorhaben in den beiden anderen Residenzstädten. Klenzes Münchner Vorbild – 1836 fertig gestellt – wirkte allerdings stärker als Schinkels Berliner Musentempel von 1830. Der als Architekturprofessor an der Akademie der Schönen Künste in Dresden tätige Gottfried Semper wurde bereits 1838 von der wenig zuvor eingerichteten „Galerie-Commission“ zum Baumeister bestimmt. Doch erst 1846 fiel die Entscheidung zu Gunsten des Standortes am – damals wenig geschätzten – Zwinger, schräg gegenüber Sempers erstem Hoftheater. Die städtebauliche Disposition ist ebenso Sempers Leistung wie die ungemein rücksichtsvolle Einbindung seines Neurenaissance-Entwurfs in die Rokoko-Sprache des Zwingers. Semper erfüllte die Aufgabe, das „reichste und geschmückteste Gebäude Europas“ zu errichten, mit einem Dekorationsprogramm, das auf der Theaterseite kühn die Staatsmänner und Künstler der athenischen polis, wohl als Ausdruck seiner republikanischen Gesinnung, inmitten der reaktionären Dresdner Residenz zur Schau stellte. Die Organisation der auf zwei Hauptgeschosse verteilten Galerieräume nimmt Klenzes Münchner Enfilade auf, lässt jedoch eine hierarchische Abfolge zu beiden Seiten des monumentalen Achteckraums in der Mitte des Gebäudes erkennen. Darüber hatte Semper eine Kuppel vorgesehen, wie er sie erst Jahrzehnte später an seinen imperialen Wiener Museumsbauten verwirklichen konnte. Die knauserigen Sachsen verwarfen den Entwurf, nachdem der Baumeister als Revolutionär aus dem aufständischen Dresden von 1848/49 hatte fliehen müssen.

Gleich neben dem Oktogon befand sich ein – damals den „Niederländern“ zugerechneter – Saal mit spanischen Meistern, von Murillo bis Zurbaran. So knüpft auch die von heute an zu bewundernde Sonderausstellung „Greco, Velázquez, Goya. Spanische Malerei in deutschen Sammlungen“ an die Eröffnung der Sempergalerie an. Die Ausstellung hatte ihre erste Station zwar in Hamburg (Tsp vom 30.5.), verdankt sich aber Dresdner Forschungsdrang. Es galt, die eigenen Bestände zu bearbeiten, ins Haus gekommen durch den 1853 getätigten Ankauf von 15 Werken aus der ehemaligen Galerie espagnole, die der „Bürgerkönig“ Louis Philippe in Paris hatte einrichten lassen. Im Ausstellungskatalog verbirgt sich ein Werkverzeichnis spanischer Malerei in Deutschland, das die Sicht auf diese hierzulande stets als Randerscheinung wahrgenommene Schule verändern kann. Folgerichtig wurde bei der sonntäglichen Jubiläumsfeier zu Spenden für die Erwerbung eines weiteren spanischen Gemäldes aufgerufen – auch wenn Juan de Arellano nicht den Rang beanspruchen kann, der mit den 1853 erworbenen Werken gesetzt wurde.

Die Dresdner Gemäldegalerie ist eine fürstliche Sammlung. Sie verdankt sich den beiden (polnischen) Königen August I. – genannt „der Starke“ – und seinem Sohn August III. Dessen Kunstagenten bereisten ganz Europa, vornehmlich aber Italien. So gelang 1745 der Erwerb von einhundert Meisterwerken aus der Sammlung des Herzogs von Modena. Mit den Tafeln von Tizian, Correggio und Veronese stieg Dresden in den ersten Rang der europäischen Kunstmetropolen auf und mit den gleichzeitigen Bauvorhaben zum „Elb-Florenz“. Semper vollendete das damals geschaffene, mit dem Ausbruch des auch Dresden verheerenden Siebenjährigen Krieges – angezettelt vom preußischen Rivalen Friedrich dem Großen – liegen gebliebene, Ensemble einhundert Jahre später auf kongeniale Weise.

Vor einem Monat erst wurde in Dresden der Rückgabe der von der Roten Armee abtransportierten Kunstschätze gedacht. Wiewohl zur politischen Unterstützung der zwei Jahre zuvor, im Juni 1953, schwer erschütterten DDR gedacht, erwies sich die Rückgabe als neuerlicher Wendepunkt und als Wiederbelebung jenes bürgerlichen und kunstsinnigen Dresden, das sich in seiner Sempergalerie jetzt aufs Neue feiert. Und doch nicht vergessen darf, wie gefährdet dieses Glück stets war, zuletzt in der Flut vom August 2002. So ist die Geschichte der Dresdner Gemäldesammlung und ihres glanzvollen Hauses voller Zufälle und Geschicke und glücklicher Fügungen.

Dresden, Sempergalerie, spanische Malerei bis 2. Januar, Katalog 24,80 €. – Gemäldegalerie Alte Meister Dresden, Gesamtverzeichnis, Verlag der Buchhandlung Walther König, zwei Bände, 728 u. 872 S., 750 Farb- u. 3000 s/w-Abb., 58 €.

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