Kultur : Fluchtpunkte der Seele

Musik oder Leben: Hans Neuenfels’ Reise zu Schubert und Schumann in der Berliner Arena

Jörg Königsdorf

Nein, diesmal keine abgeschlagenen Prophetenköpfe. „Schubert, Schumann und der Schnee“, dieses erstaunliche romantische Liederspiel des Hans Neuenfels kommt ohne opernhaften Coups aus, ja ist geradezu das Gegenteil von Oper: Ein Stück über Musik, die sich nicht mit Überwältigungswillen über ihr Publikum wirft, sondern die gefangen bleibt im Innersten, deren Sehnsüchte lediglich als Echo ihrer Implosionen im Schutzraum des intimen Kunstlieds hörbar werden.

Einen szenischen Liederabend mit dem Bariton Olaf Bär hatte Neuenfels 2005 für die Ruhrtriennale kreieren wollen, am Ende war daraus ein Stück nicht nur über die Seelenpein der beiden Komponisten geworden, sondern eines über das Lied schlechthin. Die koproduzierende Komische Oper zeigt das Stück nun in Berlin – nicht in ihrem Stammhaus, sondern in der Treptower Arena, deren Halle das Anti-Opernhafte der Musik, aber auch ihre Schutzlosigkeit unterstreicht. Wie ein Floß wirkt das mit weißen Blättern bestreute Bühnenpodest, das Ausstatter Daniel Eberle mit Flügel, Tisch und zwei gedrechselten Stühlen bestückt. Drauf das Ehepaar Schumann, deren bürgerliche Ehe so kläglich Schiffbruch erlitten hat: Clara (Neuenfels-Gattin Elisabeth Trissenaar), die noch immer rudert, und Robert (Olaf Bär), der Apathische, der seine Energien im Kampf gegen seine unterdrückten Sehnsüchte aufgerieben hat.

Immer wieder werden die Lieder, die Robert zwischen den enervierenden Vorwürfen seiner Frau anstimmt, zu Ventilen. Die Verse mit ihren Märchenidyllen sind Fluchtpunkte der Seele, aus denen ihn regelmäßig das grausam auskomponierte Erwachen in die Realität des Ehelebens zurückholt. Geniale Musik, geboren aus einem verfehlten Lebensentwurf. Denn Robert sehnt sich nach der Gesellschaft junger Männer, nach einem Bohemeleben, wie es Schubert im Kreise seiner Wiener Freunde gut drei Jahrzehnte zuvor geführt hatte. Der taucht prompt auf: Mit seiner Entourage und selbst zwiegespalten in die gnomenhafte Realexistenz seines komponierenden Ichs (der klarstimmige Tenor Xavier Moreno) und ein blondschopfig juveniles Alter Ego (Ludwig Blochberger), treibt dieser Schubert Roberts latente Depressionen in den offenen Konflikt, aus dem der Weg in die Umnachtung führt.

Eine Falldiagnose, die Neuenfels mit Liedern beider Komponisten belegt – darunter Bekanntestes aus „Dichterliebe“ und „Winterreise“ und Rares. Tatsächlich führt das szenische Spannungsfeld dazu, dass man die Subtexte dieser in Liederabenden meist en passant absolvierten Stücke erst wahrnimmt: die verzweifelten Versuche Schumanns, sich zum Eheleben mit Clara zu zwingen, seine aufbrechende Lebenslust, wenn er im spanischen Kolorit schwelgt, aber auch die verletzliche Seele, die in der „Mondnacht“ freizuliegen scheint. Es geht vor allem um Robert. Das Bild des von Schumann bewunderten, wiederentdeckten Schuberts bleibt Projektion, eröffnet aber auch dessen Liedern eine Bedeutung jenseits der hausmusikalischen Unterhaltung gebildeter Stände: In der anzüglichen „Forelle“ oder im „Musensohn“, dessen Versenden die Schubert-Freunde herrlich vertuckt nachkrakeelen.

Die Eindringlichkeit dieses nur gegen Ende ausfasernden Abends liegt auch an Olaf Bär: Weder als Darsteller noch als Sänger plustert er Schumanns Liederschmerz theatralisch auf. Sein Bariton legt diese wunde Seele mit entwaffnender Schmucklosigkeit bloß, missbraucht den Bösendorfer-Klang, den Marcelo Amaral aus dem Flügel träufeln lässt, nie zur Pose. Am Ende, zum Applaus, klettert Neuenfels selbst auf die Bühne und sieht fast aus wie ein Doppelgänger seines Bühnenhelden. Verstanden hat er ihn jedenfalls beängstigend gut.

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