Kultur : Flüchtige Reize

„Intercity Berlin-Prag“: Auftakt einer Ausstellungsreihe im Haus am Waldsee

Ulrich Clewing

Momentan ist in der Malerei offenbar alles möglich. Kaum ein Ansatz, kaum eine Stilrichtung, die nicht von der Generation der unter Vierzigjährigen mit großer Lust und noch größerem Selbstvertrauen aufgegriffen und ins Zeitgenössische umgedeutet würde. Dass die Herkunft der Künstler, allen derzeitigen Erfolgen bestimmter „Schulen“ zum Trotz, bei alledem keine Rolle mehr spielt, beweist eine Ausstellung im Haus am Waldsee, Titel: „Intercity Berlin-Prag“. Aus beiden Städten sind sechzehn Malerinnen und Maler angetreten, die Bandbreite des Mediums abzustecken. Die meisten können ihr jeweiliges Terrain mit dicken Pflöcken eindrucksvoll markieren.

Petr Malina aus Prag nutzte ein Stipendium in England dazu, um vermeintlich banale Szenen aus Londons Park in verstörend schöne Bilder umzusetzen. Bei seinem Altersgenossen Jakub Spanhel, ebenfalls aus Prag, ist das klassische Genre Landschaft nur noch als entfernter Widerhall zu erahnen: Seine delikat bemalten Leinwände bestehen im Grunde aus einfarbigen waagerechten Bahnen, die in unterschiedlicher Intensität in Schichten übereinander liegen.

Wenn es in der Kunstszene ein Thema gibt, das derzeit bevorzugt im Gespräch ist, dann die Malerei der „Neuen Romantiker“. Allerdings sollte man mit weiteren Hymnen auf die Vertreter der surreal verbrämten Innerlichkeit besser warten, bis man die Bilder von Kai Teichert eingehend studiert hat. Der nämlich malt so, dass er die meisten Leipziger und ihre Brüder im Geiste daneben aussehen lässt wie künstlerische Leichtmatrosen: düster und rätselhaft, aberwitzig und virtuos, barock, zeitlos und sehr zeitgenössisch zugleich. Während Teichert seinen Reigen der unerzählten, unmöglichen Geschichten präsentiert, zeigt Christian Hoischen, ebenfalls aus Berlin, wohin das mit den irdischen Träumen führen kann – ins Konsumchaos, das nur noch flüchtige Reize kennt, die sich noch nicht einmal die Mühe machen, ihre Flüchtigkeit zumindest ein wenig zu verbergen.

Und „Intercity Berlin-Prag“ ist erst der Anfang. Genau genommen handelt es sich dabei nicht um eine einzelne Ausstellung, sondern um eine Reihe, in der in den nächsten Jahren weitere Kunstsparten vorgestellt werden sollen, von der Objektkunst über das Design und die Architektur bis zu Fotografie, Video und Performance. Man darf also auch in Zukunft gespannt sein auf den kleinen Grenzverkehr zwischen der tschechischen und der deutschen Hauptstadt. Früher einmal waren die beiden wie Geschwister. Wie es aussieht, wird das bald wieder so werden. Wenn nun noch die Züge etwas schneller fahren würden, wäre das Glück komplett.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, täglich 10-18 Uhr, bis 17. April.

0 Kommentare

Neuester Kommentar