Kultur : Flüchtiger Weltgeist

Bernhard Schulz wundert sich über die blasse Erinnerung an Preußen

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Das Preußen, das die Anti-Hitler- Koalition heute vor 60 Jahren per Kontrollratsgesetz auflöste, erstreckte sich von Aachen bis Königsberg. Genauer: von Königsberg bis Aachen – denn es war in der heute nach Stalins treuem Weggefährten Kalinin benannten Stadt, wo sich Kurfürst Friedrich III. am 18. Januar 1701 zu Friedrich I., König in Preußen, krönte. Aachen war damals noch längst nicht preußisch, das beschloss erst 1815 der Wiener Kongress, der die Kleinstaaterei des von Napoleon zerstörten Alten Deutschen Reiches bereinigte. Brandenburg mit seiner Hauptstadt Berlin gehörte nie zum „alten“ Preußen, dessen Name, von außerhalb des Kurfürstentums kommend, schließlich den ganzen Staat bezeichnete.

Schon die Künstlichkeit der Namensgebung verweist darauf, ein wie konstruiertes, auf der Idee eines Staates statt auf eingewurzelten Traditionen beruhendes Gebilde dieses Preußen war. Ebendies hat zu seinem Fortleben im historischen Gedächtnis beigetragen, wo andere Ländereien mit bedeutenderer Herkunft längst dem Vergessen anheimgefallen waren. Die Jahrestage der Auflösung des alten Reiches – des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – und der Tilgung Preußens liegen nicht weit auseinander; der erstere wurde im vergangenen Sommer mit großartigen Ausstellungen in Magdeburg und Berlin begangen, der zweite geht einfach so vorüber.

Als Preußen 1981 Gegenstand einer aufwendigen Ausstellung im frisch renovierten Martin-Gropius-Bau war, hart an der Mauer gelegen, die ihrerseits als Fernwirkung der vermeintlichen preußischen Unheilsgeschichte verstanden wurde, ging noch die Furcht vor der Re-Historisierung einer endlich friedfertig gewordenen westdeutschen Gegenwart um. Heute, wo diese Befürchtung nur mehr ein nachsichtiges Lächeln hervorrufen kann, reicht es hingegen nicht mehr zu einer Vergegenwärtigung des preußischen Erbes. Auch die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte hat ihre Konjunkturen. Preußen liegt derzeit im Tief. Der Weltgeist, den Hegel in Preußen zur geschichtlichen Wirklichkeit gekommen sah, ist andere Bahnen gezogen. Brandenburg ist mehr oder minder geblieben; aber auch dies ein Land ohne Begriff seiner selbst, eine Provinz ohne Mittelpunkt. Wäre Preußen nicht eine Idee gewesen, ein beständiger Willensakt – nichts würde den Federstrich von 1947 überdauert haben. Und auch so ist es offenbar wenig genug.

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