Flüchtlinge in Griechenland : Die wahren Europäer

Die Flüchtlinge in Griechenland: Beobachtungen am Strand und in Athen, mit Blick auf Anna Seghers’ Flüchtlingsroman „Transit“.

Amanda Michalopoulou
Es geht um Menschen, nicht um „Ströme“. Ein Helfer sucht am Strand von Lesbos das Meer nach Booten ab.
Es geht um Menschen, nicht um „Ströme“. Ein Helfer sucht am Strand von Lesbos das Meer nach Booten ab.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Die griechische Künstlerin Zoe Hatziyannaki fotografiert Touristen auf Santorini. Sie stehen aufgereiht da und bewundern den Vulkankrater. Ständig wird sie gefragt, ob die Menschen auf ihren Fotos Flüchtlinge seien. Das Bild der wartenden Flüchtlinge ist wirkungsvoll: Alle, die sich irgendwie in einer Reihe aufstellen, erinnern automatisch an Menschen, die sich in Bewegung gesetzt haben.

Mir ist neulich etwas Ähnliches passiert. Am Strand von Chalkida hielten zwei Väter in Sportjacken ihre Kleinkinder so in den Armen, wie es manche Männer aus Mangel an Erfahrung tun: ganz dicht an den Körper gepresst. Sofort dachte ich, das müssen Flüchtlingskinder sein. Später sah ich sie zu ihrer Runde in der Taverne zurückkehren. Ich frage mich, ob wir jetzt alle Menschen so wahrnehmen, als ob sie auf der Flucht wären, wie es Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa der Fall war. Damals standen die Menschen in langen Schlangen um Sardinenbüchsen an, und Anna Seghers schrieb in ihrem Roman „Transit“: „In allen Städten des Erdteils warteten jetzt diese Schlangen vor unzähligen Türen. Wenn man sie aneinanderreihte, reichten sie wohl von Paris bis Moskau, von Marseille bis Oslo.“

Damals waren die Europäer selber unterwegs. Entwurzelt und obdachlos wanderten sie durch die Blasen im Asphalt, die nach den Luftangriffen entstanden waren. Durch die Brandbomben waren die Scheiben der Straßenbahnen geschmolzen. Heute kommen die Kinder dieser Europäer auf Gipfeltreffen zusammen und schmieden Pläne, wie sie die aktuellen Flüchtlinge in Schach halten können. Mit geschickten sprachlichen Windungen („Ströme“, „Rückführungen“, „Hot Spots“) bringen die europäischen Politiker die Körperhaftigkeit der Flüchtlinge zum Verschwinden – Füße, die sie bis zu den Grenzen getragen haben, Hände, die ein Kind festhalten, damit es nicht in der Menge verloren geht. Sie behandeln sie als abstrakte Einheit, als Strom – als wäre ein Rohr geplatzt und das Wasser käme in einem Schwall herausgeschossen.

Man wartet darauf, dass die Spreu sich vom Weizen trennt

Europas politische Kultur von 2016 manifestiert sich im Errichten von Mauern. Jeder macht es auf seine Weise. Die Visegrád-Staaten werfen die Tür mit einem Knall zu, damit der „Wolf“ draußen bleibt und sie ihre Pantoffeln tragen und sich sicher fühlen können. Die Türkei erinnert mit ihren unsinnigen Gegenforderungen an die Osmanen vor Wien. Österreich votiert für die Schließung der Flüchtlingsrouten. Nordeuropa verharrt in der Warteschleife. Es hat zu Recht Angst vor dem vorzeitigen Altern, es braucht die Flüchtlinge (speziell die seriösen syrischen Familienväter, die für das nächste europäischen Wirtschaftswunder bereitstehen und, wenn alles gut geht, die Renten von 2046 bezahlen). Aber das gibt man nicht zu. Man wartet darauf, dass die Spreu sich vom Weizen trennt und die starken Arme bleiben, die Arbeiter der Zukunft.

Und Griechenland? Wird aus Ermangelung eines alternativen Plans bereitwillig zum europäischen Sündenbock. Es akzeptiert die Errichtung der Lager für diese künftige Auslese. Gleichzeitig begeht es den fatalen Fehler, die Flüchtlingsfrage mit der Evaluierung der Schulden zu verknüpfen. Darüber hinaus gibt es weder Ideen noch Lösungen. Im Moment ist der Hafen von Piräus völlig mit Flüchtlingen überfüllt. In einer kritischen Zeit, in der die Verwaltung nicht funktioniert, Populismus herrscht und der Zusammenhalt fehlt, lässt die Regierung auch noch den Tourismus kaputtgehen, das Einzige, was dem Land Luft zum Atmen verschaffen kann. Die ersten Stornierungen von Reiseveranstaltern liegen bereits vor.

Sozialarbeit wird nur von Freiwilligen betrieben

Die Verantwortungslosigkeit und Obsessivität der griechischen Linken ist in Europa nach der Konsolidierung der Ultrarechten vielleicht das Schlimmste, was passieren konnte. Die jetzige Regierung glaubte, sie könne die Situation für eine Erpressung nutzen, und verschleppte die Umsetzung der zugesagten Verpflichtungen (15 Hot Spots für 50.000 Flüchtlinge). Als aber die Grenzen geschlossen wurden, hatte sie keinen Plan für die 36.000 Eingeschlossenen, ein Drittel davon in Idomeni. Ein explosiver Moment: Kürzlich kletterte ein kleiner Junge in einen stillgelegten Bahnwaggon und erlitt einen Stromschlag. Ärzte der humanitären Organisationen konnten ihn retten. In Idomeni wird der Staat ausschließlich von der Polizei repräsentiert und die Sozialarbeit von Freiwilligen betrieben.

Als Alexis Tsipras im letzten Sommer von einer humanitären Krise in Griechenland sprach, wusste er nicht, was auf ihn zukommen würde. Hier ist nun eine echte humanitäre Krise, hier ist das Ende der Demagogie: Als ich vor ein paar Tagen auf der Platia Viktorias in Athen zwischen den zahllosen Flüchtlingen hindurchging, die sich dort niedergelassen hatten, spürte ich die drängende Energie ihres Wartens. Ich musste wieder an Anna Seghers‘ „Transit“ denken – den Roman müsste man jetzt an allen europäischen Schulen auf den Lehrplan setzen: „Sie können nicht bloß durch den Willen, bloß durch die Stratosphäre in jenes Land kommen. Sie fahren durch Meere, durch Zwischenländer. Sie brauchen ein Transit. Das braucht ihren Scharfsinn. Ihre Zeit. Sie ahnen noch nicht, wieviel Zeit!“

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UNHCR zeigt sich entsetzt über Lage für Flüchtlinge in Idomeni

Der Maßstab der Angst hat sich verändert

Ich setzte mich in ein Café und las weiter in dem Buch. Nebenbei beobachtete ich zwei etwa fünfjährige Mädchen, die sich von ihrer Gruppe entfernt hatten und alleine weiterliefen, bis sie aus meinem Blickfeld entschwunden waren. Ich dachte, wenn man Kinder auf einem fremden Platz, in einem fremden Land so unbekümmert herumlaufen lässt, dann muss sich der Maßstab der Angst, die Einschätzung der Gefahren verändert haben. Am Nebentisch gingen drei Frauen Listen mit Basisbedarf durch, Windeln und Bananen für die Kleinkinder, Medikamente, warme Mahlzeiten. Mit der Zeit kamen immer mehr Menschen an und gaben Plastiktüten voller nützlicher Dinge bei den Hilfsorganisationen auf dem Platz ab.

Die griechische Regierung hält nichts von privaten Initiativen, in ihren Augen sind sie ein Synonym für Kapitalismus. In den letzten Monaten standen aber genau diese Privatinitiativen den Flüchtlingen bei, während die Politik nur Blockade betrieb: die Solidarität der kleinen Einheiten, die Warmherzigkeit, die zahlreichen freiwilligen Angebote der Gruppen – sie brachten Erleichterungen und Lösungen. Der griechische Ableger von Refugees Welcome bot Unterkünfte in Privatwohnungen an. In Kosani, wo 200 Kinder in einer Sporthalle übernachten, kam jemand auf die Idee, einen Projektor zu besorgen und ihnen Charlie-Chaplin-Filme zu zeigen. Und am letzten Sonntag folgten 10.000 Athener dem Aufruf der Hilfsorganisationen und brachten Nahrung und Kleidung auf den Syntagma-Platz.

Es geht nicht um "Ströme", sondern um Menschen

Vielleicht sind die kleinen Bündnisse eine Lösung, solange Europa so skandalös untätig bleibt und die Verantwortung scheut. Wie das Bündnis zwischen Kavala und der Partnerstadt Nürnberg, die gemeinsam daran arbeiten, eine Transitstadt in Nordgriechenland in einen Ort der Gastfreundschaft umzuwandeln. Die Bürgermeisterin von Kavala ist Ärztin und hat für einen Flüchtling mit Nierenversagen die Dialyse übernommen.

Wenn ich solche kleinen Nachrichten lese, denke ich, dass wir alle als die wahren Europäer den Faymanns und Orbáns gegenüber stehen, jeder mit einer Tüte Lebensmittel in der Hand, einem Film für die Kinder und der Sorge darum, was den Menschen hier bei und neben uns geschieht – und nicht den „Strömen“. Wir können und müssen einen Ersatz für die politischen Führungen bieten, bis sie wieder zu sich kommen und sich dessen bewusst werden, was sie eigentlich tun, während sie meinen, sie machten Politik.

Amanda Michalopoulou, geboren 1966, lebt als Schriftstellerin in Athen. Birgit Hildebrand hat ihren Text aus dem Griechischen übersetzt.