Flüchtlings-Melodram im Wettbewerb : Wir Neustarter

Aki Kaurismäki ist mit „The Other Side of Hope“ erstmals im Wettbewerb. Sein Film erzählt von der Freundschaft eines finnischen Anzugträgers mit einem syrischen Geflüchteten.

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Filmszene aus "The Other Side of Hope.
Filmszene aus "The Other Side of Hope.Malla hukkanen/Sputnik

Schiffe. Schon der Ton ihrer metallenen Leiber ist verräterisch: hohl, durchdringend hohl. Aki Kaurismäki mag Schiffe, sie kommen in fast allen seinen Filmen vor. Diese Schiffe, will der Regisseur sagen, sind wir! Und, fast noch wichtiger: Es gibt keinen Hafen. Jeder Hafen ist eine Lüge.

Für einen Menschen auf der Flucht ist diese Feststellung, rein psycho-ökonomisch betrachtet, völlig kontraproduktiv. Der syrische Geflüchtete Khaled (Sherwan Haji), formuliert es in Kaurismäkis neuem Film „The Other Side of Hope“ (Toivon tuolla puolen) einmal folgendermaßen: „Alle Melancholiker werden zurückgeschickt.“ Es gibt kein Asyl für Melancholiker. Nicht mal in Finnland, dem Land der Melancholie.

Kaurismäki hat also einen Film zur sogenannten Flüchtlingskrise gemacht. Das ist nicht mangelnde Originalität, auch keine gebotene Anlehnung an den Zeitgeist – im Gegenteil. Hat dieser Mann denn je etwas anderes gemacht als Filme über Menschen ohne Heimat? Der Mensch ist immer und überall auf der Flucht, auch ohne den IS oder einen Bürgerkrieg im eigenen Land.

Wikström etwa, ein Vertreter für Herrenoberhemden. Irgendwann muss Wikström der Gedanke gekommen sein, dass er keinesfalls als Vertreter für Obertrikotagen sterben möchte. Und so lädt er die letzte Kollektion in sein Auto, besucht die letzten Kunden, dann kommt Wikström zum letzten Mal nach Hause. Kaurismäki besitzt den Ehrgeiz eines Ikonenmalers. Er schafft immer aufs Neue Altarbilder der Trostlosigkeit.

Eine Sozialarbeiterin gibt Khaled noch eine Chance

Dieses hier zählt zu seinen Meisterwerken: Wikströms Frau, Lockenwickler im feuchten Haar, Zigarette im Mund, sitzt vor einem kleinen Tisch, auf dem ein riesengroßer Kaktus steht. Stumm zieht er seinen Ehering vom Finger, legt ihn neben den Kaktus auf den Tisch. Stumm, ohne den Mann anzusehen, befördert die Lockenwicklerfrau ihn weiter zu den Kippen im Aschenbecher des Lebens. Und dazu das Licht! Irgendwie gelingt es diesem Magier des Unlebbaren , dass jedes Kaurismäki-Licht, ob im Herbst, im Sommer oder im Wohnzimmer, akut suizidal wirkt?

Der Abschied ist der Beginn eines Aufbruchs. Herr Wikström wechselt ins Gastronomiefach! Es gehört zum Selbstverständnis eines Kaurismäki-Darstellers, alle der conditio humana inadäquaten Reaktionen, also auch jedwede naive Gemütsbewegung, zu vermeiden. Und da es keine nicht-naive gibt, zieht Sakari Kuosmanen, in der Rolle Wikströms, die akut unterkühlte Konsequenz. Vielleicht liegt es einfach daran, dass er Finne ist?

Auch die blonde Polizistin, die den Asylbewerber Khaled ablehnt, verrät mit keiner Geste, dass sie über etwas so unangemessen Temperamentvolles wie einen Blutkreislauf verfügt. Eigentlich wirkt sie eher wie ein Engel des Todes. Eine Sozialarbeiterin gibt Khaled jedoch eine Chance und so kommt in der Mitte des Films zur ersten Begegnung der beiden Geflohenen. Wikström findet den schlafenden Khaled neben der Mülltonnen seines Restaurants, eines Kaschemme, die er mitsamt des angestellten Personals übernommen hat.

Kein großer, aber ein würdiger Repräsentant des Kaurismäki-Kinos

Ihm ist zunächst gar nicht nach Toleranz zumute. Toleranz bezeichnet entgegen einem weit verbreiteten Irrtum keine Elastizität unseres Bewusstseins, sondern das Maß unserer Leidensfähigkeit. Und die von Khaled ist überschritten. Darum kriegt Wikström zur Begrüßung die Faust des Syrers ins Gesicht: „Ich wohne hier, das ist mein Schlafplatz!“ – „Das ist mein Müllplatz!“, antwortet der Pionier der Gastronomie, und schlägt zurück. Man ahnt schon: So beginnt eine große Freundschaft. Der Grund ist ganz einfach: Wikström, der erfolgreiche Neuanfänger, spürt etwas, das er fast schon vergessen hatte. Das Leben. Es macht ihn großzügig, offen für das Unbekannte. Den Neuankömmling Khaled.

„The Other Side of Hope“ ist vielleicht kein großer, aber ein würdiger Repräsentant des Kaurismäki-Kinos. Die Wohlmeinenden werden den Regisseur möglicherweise zum Schutzheiligen der Migrant*innen erklären. Und handelte nicht schon sein letzter Film „Le Havre“, der 2011 in Cannes mit de Preis der internationalen Filmkritik ausgezeichnet wurde, von einem Schuhputzer, der einen kleinen afrikanischen Jungen bei sich aufnimmt? Das Kino erzählt am liebsten von solchen Einzelschicksalen, nur selten von Kollektiven. Darin besteht sein Humanismus – und zugleich dessen Grenzen.

Wer Kaurismäkis Kino kennt, weiß, dass es auch das einzige Einwanderungsland ist, das allen Heimatlosen Asyl gewährt, ohne dass sie einen Pass vorzeigen müssten. In „The Other Side of Hope“ trifft man seine melancholischen Propheten an jeder Straßenecke, in diesem Fall handelt es sich um eine Straßenkapelle, die eine Art finnischen Rock’n’Roll auf Kater spielt. Dieses Land braucht keine Immigrationsgesetze, lautet die Botschaft des Films. Niemand wird von unseren Grenzen ausgeschlossen. Es ist die Musik, die die melancholischen Seelen ohne Heimat verbindet.

15.2., 9.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 18.30 Uhr (Thalia Kino), 22.30 Uhr (International); 16. 2., 12.30 Uhr (Zoo Palast 1), 19. 2., 16.45 Uhr (Berlinale Palast)

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