Das Thema Migration als Selbstsuche

Seite 2 von 2
Flüchtlingsdoku „Human Flow“ : Ai Weiwei und das Leid der Welt
von
An der Grenze zwischen Jordanien und Syrien. Eine Schar Flüchtender – von insgesamt 45 Millionen weltweit.
An der Grenze zwischen Jordanien und Syrien. Eine Schar Flüchtender – von insgesamt 45 Millionen weltweit.Foto: (c) 2017 Human Flow

Bei der Berliner Premiere von „Human Flow“ erklärte Ai Weiwei, dass sein ganzes, so schwieriges, so reiches Leben eine bis heute andauernde Suche nach sich selbst sei. Es klang im Resonanzraum seines Films seltsam deplatziert. Ich-Suche ist natürlich Migration, aber Luxus-Migration. Kein Flüchtling geht auf die Suche nach sich selbst. Und die Wahrscheinlichkeit, sich unterwegs zu verlieren und nie mehr wiederzufinden, ist mehr als groß.

Die Kamera überfliegt die Flüchtlingsunterkunft von Berlin-Tempelhof, schaut von oben in die vielen abgeteilten zur Hallendecke hin offenen Betten-Quadrate. Zum ersten Mal Ordnung statt dem endlosen Chaos der Flucht durch das zunehmend von Zäunen versperrte Europa. Aber dann steht da ein etwa zwölfjähriges Mädchen und erklärt nicht ohne Wut, dass dies hier das Schwerste sei, was sie je durchgemacht habe. Berlin-Tempelhof, das unendliche Nichts. Ihr Fazit: „Mein Leben ödet mich an!“

Jede Kindheit fordert von Neuem das Recht des Leoparden am Quell. Und sie bekommt in den Lagern, was Rilke von einem gefangenen Panther wusste: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, dass er nichts mehr hält./ Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.“

Video
Flüchtlinge auf Samos in verzweifelter Lage
Flüchtlinge auf Samos in verzweifelter Lage

An viel zu vielen Orten wachsen Generationen von Kindern so auf. Eins der furchtbarsten Flüchtlingslager der Welt ist wohl der Gaza-Streifen. Er hat mit die höchste Bevölkerungsdichte der Welt. Wer hier groß wird, weiß früh, was Hass ist. Nur den zu Hassenden hat er noch nie gesehen. Und dann macht uns Ai Weiweis Film zu Zeugen der Rettung eines Tigers, der durch einen unterirdischen Tunnel von Ägypten in den Gaza-Streifen kam und nun wie alle anderen hier in der Falle sitzt. Doch im Gegensatz zu den Menschen bekommt der Tiger alle Pässe, die er braucht. Und viele Hände helfen, ihn auf die große Reise in die Freiheit zu schicken: zuerst nach Tel Aviv und dann weiter nach Johannesburg.

Das Inferno der brennenden Ölfelder von Mossul

Die meisten Menschen treten ihren Weg in die Fremde in Begleitung ihres Gottes an, wie seit Urzeiten. Ohne dieses Bündnis hätte der homo sapiens, dieses Mängelwesen unter den Tieren, seinen Weg nie begonnen. Das „Seid fruchtbar und mehret Euch!“ sprach der Herr zu einer Zeit, als die Erde noch leer war. Könnte er noch einmal die Stimme erheben, vielleicht würde er anders raten. Aber die Götter sprechen nicht mehr zu uns.

Wir sehen das Inferno der brennenden Ölfelder um Mossul, die der IS in Brand setzte, als er die Stadt aufgeben musste. Wieder verloren 300 000 Menschen, die bis eben allem getrotzt hatten, den letzten Rest dessen, was einmal ihr Zuhause war. Aus den historischen Völkern sind in der modernen Welt längst Bevölkerungen geworden, und unter dem Blick der Drohne als Kamerafrau werden aus den losgesprengten Teilen bloße Populationen. Es ist eine beinahe zoologische Wahrnehmung, mitunter von irritierender Schönheit.

Wir, die Menschheit von heute, sind die viel zu vielen. Aber niemand glaube, er gehöre nicht dazu und die 65 Millionen Flüchtlinge weltweit, Tendenz stark steigend, seien die wahrhaft Überzähligen. Sie tragen nur, stellvertretend für alle, das größte Leid. Jede Minute von „Human Flow“ weiß das.

Filmstart am 16. 11.: Capitol, Cinema Paris, FT am Friedrichshain 1-5 (OmU), International (OmU), Kant Kino 1-5, Neues Off (OmU)

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

7 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben