Kultur : Flüchtlingsfahrt ins Touri-Land

CHRISTINA TILMANN

Schüchtern, aber erwartungsvoll blickt die junge Frau in die Kamera.Ja, sie kann Englisch, möchte ihren Onkel in Los Angeles besuchen.Geld? Geld hat sie auch, 800 Dollar.Das "Rubel habe ich auch noch" kommt dann schon etwas zu schnell, nervös.Und als die Fragen der professionell lächelnden Hostesse kein Ende nehmen, keimt deutlich Panik auf in ihren Augen.Bis zum unvermeidlichen: "Den Paß bitte".

Schnitt.Nana Iashwili sitzt der Flughafenpolizei gegenüber.Ihr Visum nach Amerika war gefälscht, in zwei Tagen geht die Maschine zurück nach Georgien.Weder Flehen noch Bestechung helfen, die Beamtin ist unerbittlich: Wer in der Heimat nicht mit dem Tode bedroht ist, findet kein Asyl in Österreich.So sind die Gesetze.

Ungemütlicher Auftakt das, diese beiden Szenen, in denken die herzlose Macht der Behörden auf ein konkretes Einzelschicksal trifft.Ungemütlicher Auftakt für einen Film, der eigentlich etwas ganz anderes ist: Ein nachdenkliches, ungewöhnliches Roadmovie.Denn der jungen Russin gelingt die Flucht aus dem Flughafenbereich.Als amerikanische Touristin Suzie Washington reist sie durchs malerische Salzkammergut, nutzt die Tatsache, daß deren Bewohner wohl auf exzentrische Touristen, nicht aber auf Flüchtlinge eingestellt sind.

"Suzie Washington" ist vor allem eines: Eine einzige große Liebeserklärung an die Hauptdarstellerin Birgit Doll.An ihre Unsicherheit, Verletzlichkeit, Angst.Wenn ihr Blick gehetzt über Wartende im Flughafen, Touristen bei der Pinkelpause oder Badende am See irrt, schwankt und zittert die Handkamera mit, hat kaum mehr Überblick als die Gejagte selbst, schafft eine Atmosphäre des Unruhigen, Flüchtigen, Unübersichtlichen, die den Film prägt.Und findet doch immer wieder Ruhe in Dolls Gesicht: Herb, stolz, verschlossen, schön.

Was Wunder, daß es vor allem Männer sind, die Nana auf ihrer Flucht weiterhelfen.Ein schüchterner Angler (August Zirner), der sie über den See setzt und am Abend mit selbstgefangenen Forellen fürstlich bewirtet.Ein Lastwagenfahrer, der sie mitnimmt bis kurz vor die deutsche Grenze und dann im Stich läßt.Und der Wirt einer Berghütte (Wolfram Berger), der ihr Zuflucht bietet in einer fragilen, wortarmen Romanze zwischen Mißtrauen und Liebe, der sie am liebsten dabehielte und ihr zum Abschied das Kostbarste schenkt, was er geben kann: Einen französischen Paß.

Mit seinem zweiten Film "Suzie Washington" ist dem österreichischen Regisseur Florian Flicker etwas Seltenes gelungen: Ein brisantes Thema mit Würde zu erzählen.Ihm ist es gelungen, sein Heimatland Österreich zwischen Tourismusparadies und Fremdenfeindlichkeit zu kritisieren, ohne es zu denunzieren.Und ihm ist ein Film gelungen, der vor allem ein kleine menschliche Komödie voll stillen, eigenen Humors ist.Ein Kinolichtblick.

Balasz, Filmbühne am Steinplatz, fsk

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