Flüchtlingspolitik : Der Papst besucht Lampedusa, die Insel der Mühseligen

Afrikas Flüchtlinge und die Festung Europa: Franziskus besucht das italienische Eiland Lampedusa, die Erwartungen sind hoch. Es geht nicht nur um Barmherzigkeit, sondern vor allem um die Rechte derjenigen, denen Schengen-Europa ein Visum verweigert.

Heidrun Friese
Afrikas Flüchtlinge und die Festung Europa: Franziskus besucht das italienische Eiland Lampedusa - die Erwartungen sind hoch.
Afrikas Flüchtlinge und die Festung Europa: Franziskus besucht das italienische Eiland Lampedusa - die Erwartungen sind hoch.Foto: Reuters

Ausgerechnet die Insel Lampedusa hat Papst Franziskus zum Ziel seiner ersten Reise gewählt. Dass er dem Eiland am heutigen Montag einen Besuch abstattet, wertet der italienische Menschenrechtsaktivist Gabriele del Grande, Initiator des kritischen Blogs Fortress Europe, als „starkes und deutliches Zeichen“. Die winzige Insel zwischen Sizilien und Tunesien ist seit Jahren Anlaufstelle für all jene, denen Schengen-Europa ein Visum verweigert. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als sich auf morschen Planken und windigen Schlauchbooten dem Meer anzuvertrauen, um ihr Glück zu versuchen.

Lampedusa, ein Symbol der Hoffnung und der gescheiterten Einwanderungspolitik

Eingeladen wurde der Papst von Don Stefano Nastasi, dem Pfarrer von Lampedusa. Nastasi schrieb an den Vatikan, dass die Gemeinde, „die Aufnahme und Anteilnahme zu Zeichen der christlichen Botschaft gemacht hat“. Der Papst möge an diesen „Wallfahrtsort der Schöpfung pilgern“. In tausenden von heimatlosen und namenlosen Migranten sei hier die „Hoffnung auf ein Morgen“ wiedererwacht. Tatsächlich ist der kleine Fels im Mittelmeer zum Symbol der Hoffnung geworden – und zugleich einer gescheiterten europäischen Einwanderungspolitik. Einer Abschottungspolitik, die aus dem Mittelmeer einen Friedhof gemacht hat, eine See, aus der die Fischer in ihren Netzen die Gebeine Ertrunkener ziehen. Allein 2011 haben mindestens 2352 Menschen im gesamten Mittelmeer den Tod gefunden.

Ein Marinesoldat in Lampedusa führt am 2. Juli eine Schiffbrüchige mit Schwimmweste an Land.
Angekommen? Ein Marinesoldat in Lampedusa führt am 2. Juli eine Schiffbrüchige an Land.Foto: AFP

Franziskus ist der erste Amtsinhaber des Heiligen Stuhls, der dies sichtlich zur Kenntnis nimmt. „Der Papst ist vom jüngsten Schiffbruch afrikanischer Migranten, der letzten einer ganzen Serie vergleichbarer Tragödien, zutiefst berührt. Er möchte für diejenigen beten, die ihr Leben auf See verloren haben“, ließ der Vatikan verlautbaren. Franzikus wird außerdem Überlebende und Flüchtlinge besuchen, will den Einwohnern Mut machen und an die Verantwortlichen appellieren, sich der Notleidenden anzunehmen.

Erst im vergangenen Monat häuften sich Schiffbrüche und Rettungsaktionen auf dramatische Weise. Ein Auszug aus der Statistik: Allein an einem Wochenende waren mehr als 1000 Menschen auf offener See unterwegs und machten von ihrem Recht auf Reisefreiheit Gebrauch, das die allgemeine Erklärung der Menschenrechte ihnen zugesteht. Sieben von ihnen sind 85 Seemeilen südlich von Malta ertrunken. Sie hatten sich an einen Thunfischkäfig geklammert, als ihr Schlauchboot zu sinken drohte. 95 Überlebende wurden nach Lampedusa gebracht. Die Männer der Küstenwache, der Marine und des Zolls waren beinahe ununterbrochen im Einsatz: Sie konnten einmal 33, ein anderes Mal 128 Menschen in Sicherheit bringen. 60 Seemeilen vor Lampedusa retteten die Einsatzkräfte 121 Eritreer, wenig später weitere 33 Afrikaner. Es gab keine Pause. 259 Passagiere wurden anderntags auf einem Schlauchboot geortet, das von der libyschen Küste aus in See gestochen war. Stunden später brachten die Retter weitere 85 Menschen nach Lampedusa, darunter 18 Frauen und 6 Kinder, dann wieder 77, dann 182 Menschen .

So sind allein in den ersten fünf Monaten diesen Jahres 4391 Menschen auf der Insel angekommen. Erneut platzt das Auffanglager aus allen Nähten, Raum ist dort eigentlich nur für 300 Menschen. Tausende harren ihres Schicksals und warten auf ihre Verlegung nach Sizilien.

Lampedusa ist auch sonst ausgebucht. Mit der Ankündigung der Pastoralreise beginnt erneut der globale Medienzirkus und bringt Geld auf die Insel, die vom Tourismus lebt und medialer Aufmerksamkeit eher skeptisch gegenübersteht. Denn das negative Image als Flüchtlingsinsel vertreibt die Urlauber.

Lampedusa hat so manchen prominenten Besuch erlebt, der politische Zwecke mit humanitären Anliegen verbindet. Flüchtlings-Hochkommissar António Guterres und die UN-Ehrenbotschafterin, Hollywoodstar Angelina Jolie, machten sich im Juni 2011 ein Bild von der Lage. Nach der tunesischen Revolution waren Zehntausende auf Lampedusa gestrandet. Auch die französische Rechtspopulistin Marie le Pen und der ehemalige Regierungschef Silvio Berlusconi nutzten die die Ankömmlinge für politische Zwecke, erklärten den permanenten Ausnahmezustand und forderten Maßnahmen gegen die unerwünschte „Menschenflut“.

Doch diesmal ist es anders. Die Erwartungen sind enorm hoch. Die Umweltaktivistin und linke Bürgermeisterin von Lampedusa, Giusi Nicolini, hofft, das „epochale Ereignis“ werde zum Umdenken in der Migrationspolitik führen. Sie hat den dreistündigen Aufenthalt des Oberhaupts der katholischen Kirche organisiert: Absperrgitter, zusätzliche Toiletten und ein Ambulanzwagen mussten herangeschafft, eine größere Fähre angefordert werden. Eilig wurde die Hafenstraße neu asphaltiert, die Mauern um den Sportplatz wurden kurzerhand abgerissen, damit die erwarteten 15 000 Gäste die Messe besuchen können. Aus den Planken der angelandeten Boote wurde ein Kreuz geschreinert, der Kirchenchor probte. Und eine Vereinigung von Fischern organisiert das Geleit der Boote, die den Papst auf seiner kurzen Fahrt auf See begleiten werden.

Der Papst will einen Kranz ins Meer werfen: eine Geste, die die Kontinente verbindet

Von einem Schiff der Küstenwache aus wird der Papst einen Kranz in die See werfen. Eine Geste, die Afrika und Europa im Totengedenken verbindet, es gab sie schon öfter. Nach einem der Schiffbrüche vor der Insel hatte sich im September 2012 der Präsident der Republik Tunesien, Moncef Marzouki, von der dortigen Küste aus auf den Weg nach Lampedusa gemacht und der See ebenfalls einen Kranz übergeben. Damals nahm Europa keine Notiz davon – der Kranz des Papstes hingegen wird sicherlich wahrgenommen werden.

Ein Flüchtlingsboot, das von der Küstenwache aufgegriffen wird, am 2. Juli 2013.
Ein Flüchtlingsboot, das von der Küstenwache aufgegriffen wird, am 2. Juli 2013. Allein in den ersten fünf Monaten diesen Jahres...Foto: AFP

„Namenlos“, wie Pfarrer Nastasi sagt, sind die Ertrunkenen oder Vermissten übrigens keineswegs. Die tunesische „Vereinigung der Familien der Verschollenen“ führt eine lange Liste der Verschwunden; nur wissen die Angehörigen oft nichts vom Schicksal ihrer Kinder, Geschwister, Enkel, die sich auf den Weg nach Europa gemacht hatten. wissen. Sfienne Dchichi, geboren am 16.1.1986 in Tunis, steht auf diese Liste; oder Hazem Bouazizi, geboren am 11.4.1993 in Gafsa; oder Taher Hinchiri, geboren am 26.8.1982 in Tripolis; oder Mohamed Samaali, geboren am 13.11.1992 in Jelma.

Die Pastoralreise des Papstes wird in Lampedusa als Zeichen christlicher Barmherzigkeit begrüßt, als Geste gegen die Ignoranz und das Vergessen. Wichtiger für die Gestrandeten ist jedoch, dass sie auch bei jenen Politikern Spuren hinterlässt, die das Menschenrecht auf Freizügigkeit eingeschränkt und todbringende Grenzen geschaffen haben.

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