Kultur : Flügel und Fesseln

Eine

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von Rüdiger Schaper

Hier riecht es nach Skandal. Verschwendung öffentlicher Mittel! Pornografie! Und das auch noch im Sommerloch!

Felix Ruckert, Berliner Tänzer und Choreograf, gehört zu den eher Glücklichen der Freien Szene. Für zwei Jahre hat ihm eine unabhängige Jury eine so genannte Basisförderung zugesprochen – 100 000 Euro. Jeder bewegte und bewegende Künstler kann das bei der Kulturverwaltung beantragen, wenn er gewisse künstlerische Leistungen vorzuweisen hat und seine künftigen Projekte interessant darzustellen versteht. Die meisten Bittsteller – man kann es sich denken – gehen bei dieser intellektuellen Lotterie leer aus.

Wer niemals in der Jury saß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß... Eine Strafarbeit: Talente und Fördermittel miteinander auszubalancieren. Nicht minder schwierig und schmerzhaft nachher die Bewertung der Ergebnisse: Was haben die geförderten Künstler um Himmels willen mit dem Geld angestellt? Nun, im Fall von Felix Ruckert, könnte eine dünne rote Linie überschritten worden sein. Ende Juli lud der Künstler ins Tanzstudio Dock 11 zu einem Wochenende mit Workshops zur „Kunst der Lust“, unter dem Motto: „Xplore04. Extreme Sinnlichkeit – sinnliche Extreme.“ Es wurden beispielsweise angeboten: Orgasmusschulen, Einführungen in die Kunst des Fesselns und Peitschens und der Nadelstiche, ein Workshop nannte sich (nur für Frauen!) „Die köstliche Vulva“, ein anderer „Anales Vergnügen für Anfänger“.

Tanzszene und Workshop-Wesen gehörten schon immer zusammen wie Henne und Ei. Man weiß nie, was zuerst da war. Das Problem bei Felix Ruckert liegt nicht in der Gleichsetzung von Tanz und Körper mit Sex und Lust (nichts dagegen!). Vielmehr scheint er Senatsmittel (es soll sich um 10 000 Euro handeln) für eine kommerzielle esoterische Session mit Tantra-Gurus und internationalen G-Punkt-Spezialisten benutzt zu haben. Jetzt muss er der Kulturverwaltung den kleinen Unterschied erklären, weil sich die Boulevardpresse und Oppositionspolitiker mächtig über die Geschichte erregt haben.

Aber alles halb so wild. Die Mittel für Freie Gruppen sind schon für viel bizarrere Dinge abgezweigt worden. Für Hundefutter zum Beispiel: Es gab da mal eine Theatergruppe, die zum Großteil aus Vierbeinern bestand. Oder einen Regisseur, der mit dem Fördergeld in eine offene psychiatrische Anstalt nach Italien verschwand. Oder jene stramm stalinistischen Polittheatermacher, die Aufführungszahlen zinkten und Premieren ausfallen ließen, um ihre Wohnungsmiete zu bezahlen. Aber das ist lange her. Und Ruckerts Pech. Früher hieß es: Hassemer ’ne Mark? Und das bedeutete, dass Geld eigentlich keine Rolle spielte. Heute, in der Hartz-Zeit, sind besonders die Freien Künstler von der Arbeitsmarktreform betroffen. Sex sells. Der Spruch geht hier nach hinten los.

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