Kultur : Flügel und Nesseln

Von Richard Strauss zu Wolfgang Rihm: Kent Naganos deutsche Eröffnung in München

Christine Lemke-Matwey

In diesem glücklichen Doppelabend ist wirklich alles drin, von der Berliner „Idomeneo“-Farce bis Afghanistan, vom Nahostkonflikt bis zum Kontostand der deutschen Einheit. Leichenfledderei, Blasphemie, Sodomie. Nackte und Tote. Als blickte man in eine Zentrifuge, fast könnte einem schwindlig werden dabei.

Wie die Zeit rast. Und wie wenig wir ihrer und unserer doch habhaft werden. Das repräsentative Musiktheater indes scheint kaum dazu angetan, sich zu dieser Gegenwart offensiv zu bekennen. Es verpackt lieber hübsch, es raunt und verschanzt sich, gerade in der Regie, hinter den altgedienten Chimären seiner Kunst. Insofern verläuft die Eröffnung der Ära Kent Nagano an der Bayerischen Staatsoper am Ende vielleicht doch nicht ganz so glücklich.

Es wirken mit: Richard Strauss’ „Salome“ sowie, vor der Pause, die Uraufführung von Wolfgang Rihms „Gehege“ nach einer nächtlichen Szene aus Botho Strauß’ „Schlusschor“. Das eine als Satyrspiel des anderen, als Prolog, als Epitaph. Eine Spiegelung ganz im Sinne jener Dramaturgie, die Nagano schon beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zu Ansehen verhalf, ihm den Ruf eines Konzeptdenkers, eines mystisch-leichtfüßigen Wanderers zwischen den Welten einbrachte: Man verschränke das Repertoire in sich selbst, auf dass es sich neu erleuchte, ja entzünde. Zum Unerhörten hin, im wahrsten Wortsinn, zu lichten Ohren. Die Oper in ihrer aktuellen Ausgezehrtheit kann für einen derart klugen, innigen Ansatz nur dankbar sein.

Desweiteren spielen mit: eine Enthauptung samt kunstgerecht-blutsudeliger Schändung des Hauptes (keine Angst, es handelt sich um Johannes den Täufer, und das seit 1905, als der Einakter „Salome“ in Dresden uraufgeführt wurde, übrigens wenig skandalträchtig). Eine barbusige Sängerin, wie Franz von Stuck sie makelloser und kindlich-verdorbener nicht hätte malen können (Angela Denoke als Salome, Chapeau!). Fünf Juden, die mit drei Christen darüber streiten, ob der Messias denn nun bereits erschienen sei oder nicht. Keine Moslems, keine Unterschichtler, dafür aber im ersten Teil der deutsche Adler, das gute Wappentier; und eine Frau, bei Botho Strauß heißt sie Anita von Scharstorf, die unter der Last ihrer adelig-deutschen Vergangenheit so lange ächzt und barmt, bis sie gänzlich außer sich gerät und dem Greif die Kehle durchbeißt, ihn, den Lustlosen, Müden, meuchelt und rupft und am Ende selbst mit blutigen Lefzen dasteht. Um schließlich, mit den Worten „Wald ... Wald ... Wald ... Wald“ auf den Lippen, in die Stille zu entschwinden, ins sprichwörtliche (romantische) Schweigen.

Eine starke Episode, diese ersten dreißig Minuten des Abends. Die Geschichte einer Obsession, einer symbiotischen Entwurzelung. Der Status quo der deutschen Kulturnation, wie Botho Strauß ihn in seiner dramatischen Parabel „Schlusschor“, nun ja, illuminiert (die Uraufführung fand 1991 an den Münchner Kammerspielen statt). Strauß, der selbst ernannte Rechts-Intellektuelle, derjenige, der in seinem „Anschwellenden Bocksgesang“ kräftig gegen den politisch korrekten Stachel löckte, indem er behauptete, die „Tabuzertrümmerung“ gehöre zum Initiationsritus einer jeden Jugend, ganz gleich, ob diese sich nun am linken (wie seinerzeit die 68er) oder am rechten Rand der Gesellschaft tummle – wie neuerdings Neonazis und Ausländerfeindliche. Diese Gleichsetzung hat man ihm schwer übel genommen. Wo sich der Deutsche / das Deutsche nicht als einzigartig begreifen darf, da fühlt er / es sich offenkundig bedroht. Und haut um sich.

Das „Schlusschor“-Finale nun ist von archaischer Banalität und doch bis in die letzte sprachlich-poetische Faser mit Ikonografischem, mit Bildungsodem, mit Aura vollgesogen. Genau das war es wohl, was den Komponisten Wolfgang Rihm inspiriert und provoziert hat. Rihm, der Kraftkerl unter den Tonsetzern der Gegenwart, barocke Type und empfindsame Seele, hoch dekoriert, bestens im Geschäft, ein seismografisch-wacher Zeitgenosse. Die Frage, ob er sich als deutscher Komponist begreife, konterte er in der letzten Ausgabe der „Zeit“ mit der Bemerkung, dass er sich nicht vorstellen könne, russische oder indische Musik zu schreiben. Und wie ein deutscher Krimi, pardon, klingt auch sein „Gehege“: sehr kantabel, sehr eklektisch, gewitzt, bös, nervös und spannend, vor allem aber auf eine fast verbotene, überirdische Weise schön. Als verneigte sich diese großartige, tief berührende Partitur in den zerschossenen Gewändern ihrer Tradition vor eben dieser Tradition (und darin ist sie „Salomes“ natürliche Schwester!). Ein Sakrileg? Ein ästhetischer Tabubruch, und zwar wiederum von „rechts“, nämlich von der Wohllautfront?

Rihm orchestriert das Geschehen aufreizend konventionell: große Streicher-, Holzbläser- und Blechbläsergruppen, Flügel, Harfe und umfangreiches Schlagwerk. So vielfältig-hinterhältig seine Anspielungen auf Strauss, Berg, Debussy, Weill und andere Neuerer auch sind (in der kränkelnden Tonalität, im Duktus des Tänzerischen, im Lautmalerischen), so dezidiert bezieht er als Künstler der Jetztzeit Position. Ob die Windmaschine heult, wenn der deutsche Adler mit den Schwingen schlägt, ob Glocken läuten, wenn die Frau sich ihren erotischen Fieberträumen hingibt, oder ob jedes Aufbäumen im Graben alsbald hybrid ins Nichts abstürzt: Das Musiktheater, sagt Rihm mit Strauss und über Strauss hinaus, war stets mehr als kulinarisch oder kritisch. Schließen wir die Scheren in unseren Köpfen, seien wir sentimental und klug, kühler Mut, volles Herz, machen wir Theatermusik!

Schade, dass Gabriele Schnaut als Frau bei allem Engagement stimmlich doch eher undifferenziert blieb, kaum je textverständlich war und rasch die Flucht ins Dramatische antrat. Schade auch, dass der US-Regisseur William Friedkin („Der Exorzist“) sich weder vor noch nach der Pause mehr einfallen ließ als rampenfreundlich gestikulierende Darsteller. Gewiss, ganz zum Schluss – „Man töte dieses Weib!“ – wird auch Salome geköpft, schließt sich ein Kreis. Am postmodernen Ambiente (Bühne Hans Schavernoch), am Sandalen-Outfit der Sänger (Petra Reinhardt), an Peinlichkeiten wie dem Schleiertanz aber ändert dies wenig. Angela Denoke, flankiert von Wolfgang Schmidts starkem Herodes und Iris Vermillions fahler Herodias, verstand es virtuos, alles ihr fehlende Luderhafte ins Seelenlose zu ziehen: mit gleißend-weißen Höhen, mit der alabasternen Ungerührtheit einer Käthe-Kruse-Puppe.

Und Kent Nagano, der neue Bayerische Generalmusikdirektor? Nimmt Strauss beim Wort. Lässt das Staatsorchester zuckerleicht agieren und immer transparent, dirigiert mehr episch, als dass er ein tektonisches Ziel verfolgte. Das entspannt, das ist modern. Trotzdem fehlt etwas. Das Lot, der Sog. Die Schwüle, das über die Maßen Gesättigte in dieser Musik. Ihre Grenzgängerschaft. Alles Gefährliche. In München, wo sonst, hat Nagano die Chance, sich dies alles bald zu trauen.

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