Kultur : Flügelschläge eines Kolibris

Philharmonie: Das DSO mit Isabelle Faust

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Es beginnt mit kurzen, rauen Strichen, aber die können sich nur ein paar Takte lang halten: In diesem Teufelswerk bleibt nichts lange, wie es ist. Ravels Konzert-Rhapsodie „Tzigane“, 1922 für die Geigerin Jelly d’Arányi geschrieben, ist ein Virtuosenstück par excellence, ein Werkzeugkasten der vertracktesten Grifftechniken. Und Isabelle Faust stürzt sich beim Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Philharmonie mitten hinein, macht Tempo bei den Doppelgriffen, bis diese wie die Flügelschläge eines Kolibris summen, lässt die Saiten beim Zupfen regelrecht aufs Griffbrett klatschen, spielt mit fahlen Flageoletttönen, die unvermittelt wieder in satten Klang übergehen, ändert ständig Temperament und Charakter. Dabei wirkt sie allerdings streckenweise so komplett auf sich und die technischen Herausforderungen konzentriert, dass es auf Kosten des Ausdrucks geht.

Eher unglücklich, dass sie mit Bartóks zweiter Rhapsodie für Violine und Orchester ein ähnlich gestricktes Stück hinterherschiebt. Nur dessen erster Satz bietet einen echten Kontrast, hier beruhigt sich der Strich, können sich langgespannte Phrasen entfalten. Aber Fausts zupackendes, fast manisches Spiel ist die zentrale Erhebung in einem ansonsten eher flachen Konzert, das mit Ravels märchenhafter Ballettsuite „Ma mère l’oye“ begann, vom tschechischen Dirigenten Jirí Belohlávek gemessen und solide, aber auch ohne große Überraschungen mehr verwaltet als interpretiert.

Sein Landsmann Antonín Dvorák hat 1881 in seiner sechsten Symphonie, die ihm endlich den langersehnten Durchbruch als Symphoniker brachte, viel folkloristisches Material aufeinandergeschichtet, verarbeitet und sublimiert. Auch hier dauert es bis zu den böhmischen Tänzen des dritten Satzes, bis Belohlávek aus sich heraus geht und mehr wagt. Dann aber kommt endlich Schärfe und Zug ins Orchester, mit saftigen Strichen strebt es zielsicher dem Finale zu. Udo Badelt

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