Kultur : Flüstern

Johannes Völz

JAZZ

Andy Bey sitzt ganz allein auf der Bühne, die Hände auf den Klaviertasten, die Lippen am Mikrofon. Er raunt: „Danke, und als nächstes spielen wir einen alten Standard.“ Er liebt dieses „Wir“ – „Ich“ sagt er fast nie. Ist auch vollkommen richtig, denn passt man genau auf, hört man auf der Bühne des Soultrane zwei Musiker. Bey, der Pianist: ein Querkopf, der scheinbar ganz ruhig begleitet. Und der plötzlich, aus dem Stand, über die Tastatur jagt, mitten in seinem Bebop-Lauf weiche Knie bekommt und kurz vor dem Ziel zusammenklappt. Tut aber nicht weh, denn seine linke Hand eilt zu Hilfe, verschiebt ihren Akkord wie ein weiches Kissen. Außerdem noch Bey, der Sänger: ein Magier, der über sich selbst staunt. Es ist ja auch nicht zu fassen, wie er vom Grummeln ganz unten im Bass ins Falsett schnellt. Wie er seine Stimme so mit Obertönen belädt, dass zwei Oktaven gleichzeitig erklingen. Dazu sein Vibrato: ganz wie ein Tenorsaxofon der alten Schule, hauchig, zitternd, doch strotzend vor Kraft. Vor sehr, sehr langer Zeit fesselte dieser Andy Bey mit seinem Gesang einige der ganz Großen des Jazz: Max Roach spielte mit ihm, auch Horace Silver, Charles Mingus, Sonny Rollins. Doch irgendwann zog sich Bey zurück, wurde vergessen. Vor ein paar Jahren, HIV- infiziert, meldete er sich zurück. Und hat in diesem Jahr mit „Tuesdays in Chinatown“ eine ungewöhnlich berückende Platte aufgenommen. Live, ohne Band, klingen die Stücke noch inniger. Stings „Fragile“ etwa gelingt ihm überzeugender als den zahllosen anderen Jazzern, die das Stück in den letzten Jahren kanonisiert haben. Weil er dem üblichen, zerbrechlichen Flüstern etwas entgegenzustellen weiß: Er lehnt sich weit nach hinten und skandiert aus der Ferne den inneren Widerstand. Bey, der Pianist und Sänger: vereint im Kampf gegen die Einsamkeit. „Ich“ – welch unpassendes Wort dafür. Johannes Völz

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