Kultur : Flug durch Raum und Zeit

Stockhausen-Vorspiel zum „Musikfest Berlin 09“

Carsten Niemann

Es fällt schwer, bei Karlheinz Stockhausens „Hymnen“ nicht an Raumfahrt zu denken. Das Werk ist zum einen zeitgleich mit dem Apollo-Programm der US-Regierung entstanden, das Musikfest Berlin bebildert sein Programmheft mit Fotos von zeitgenössischen Weltraummissionen. Zum anderen sitzen die Zuhörer auf der Bühne der Philharmonie und blicken in den leeren Saal, der – nur von den schimmernden Schneisen der Treppenbeleuchtung durchzogen – teils wie ein kosmischer Raum, teils wie ein riesiges Raumschiff Enterprise wirkt.

So herrscht beim Start des selten im Raumklang zu hörenden Schlüsselwerks der elektronischen Musik eine geradezu feierliche Erwartung. Es würde auch fast nicht wundern, wenn sich der 2008 verstorbene Komponist auf den leeren Platz beamen würde, an dem gewöhnlich der Dirigent steht. Stattdessen startet Stockhausens Sohn Simon, der das Opus für den Saal der Philharmonie eingerichtet hat, die Klangshow aus der Publikumsmitte vom Laptop aus.

Doch schon nach den ersten 20 Minuten des zweistündigen Werks stellt sich heraus: Die zwei größten Feinde bemannter Missionen sind Enge und Langeweile. Fünf bis zehn Prozent des Publikums kehrt bereits vor Ende der Aufführung zur Erde zurück. Für eine analytisch aufgerichtete Hörhaltung sind die im Einzelnen durchaus spannenden Transformationen zwischen Nationalhymnen, Gespächsfetzen, Tönen und Geräuschen sowie die im Technozeitalter teils visionär, teils rührend altmodisch erscheinenden futuristischen Samples formal nicht zwingend genug aneinandergereiht.

Für eine tranceartig-träumerische Hörhaltung aber, bei der Stockhausens Werk noch heute eine starke Suggestivität entfalten könnte, fehlt dem Raumschiff Philharmonie allerdings ein wichtiges Detail: Kopfstützen. Carsten Niemann

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