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Flug in die Stille : Ein Hausbesuch bei Tomas Tranströmer in Stockholm

Am nächsten Morgen mache ich mich auf den Weg, um das Schiff zu erreichen, das mich durch die Schären, diesen grandiosen Archipel kleiner und kleinster bewaldeter Felsen, Richtung Runmarö bringen soll, zu dem gelobten Eiland, dessen kindheitsher leuchtende Schönheit aus vielen Gedichten Tranströmers spricht. Denn hier, im Haus des Großvaters, verbringt er seine Sommer. Am Steg von Gatan gehe ich als Einziger von Bord. Auf der Suche nach dem kleinen blauen Holzhaus kreuze und quere ich hangauf und finde keinen Menschen. Die Spätsommerstille leuchtet vogelbeerenrot und mittagsblau und nickt auf meine Fragen mit Fichtenzapfen. Nicht mit Blick aufs Meer, das den Steg beleckt, steht das Großvaterhaus, sondern seitlich des sandigen Wegs, waldverschluckt, mit einer Lichtung und weißen Tischen, über denen Zweige junger Äpfel hängen. Im Inneren ein kleines Elektroklavier, ein über der Tür aufgehängtes urtümliches Gewehr und der Treppenlift, der den Hausherrn in den Schlafraum hievt.

In der Küche hängt ein Bleistiftporträt des Großvaters Carl Helmer Westerberg; er blickt mir nach, als ich das Refugium verlasse, in dem bis vor kurzem Tranströmers zu Jugendzeiten angelegte Insektensammlung gehütet wurde. Nun wurde seine Kollektion vom Naturhistorischen Reichsmuseum ausgestellt. Gast wollte ich sein und werde Pilger, strebe südlich der Anlegestelle ins herbstkalte Wasser. Nach einer langen Schwimmweile, ohne Begegnung mit Mensch oder Tier, blickt mich wenige Meter waldeinwärts auf einmal ein äsender Rehbock an: Mein aus den sanften Wellen ragendes, unbewehrtes Neptunhaupt ängstigt ihn nicht.

Am Vorabend meiner Abreise bin ich nochmals in der Stigbergsgatan zu Gast, deren Felsenbalkonen die Altstadtinsel und das nordöstliche Stockholm zu Füßen liegen. Ich erzähle von meinen Abenteuern und Pilzfunden auf Runmarö. Mit Monica bespreche ich die nun geerdete Gedichtauswahl. Wir finden eine strichsichere Porträtzeichnung, die der rumänische Dichter Marin Sorescu, im Wettstreit mit Günter Grass, 1988 am Rande eines Festivals gefertigt hatte. Über Preise, außer für Flugtickets und Hotels, verlieren wir kein Wort, auch nicht über den Nobelpreis für seine wurzeltiefe, bildkühne wie rätselreiche, immer menschliche Poesie und für ein tapferes, die leibliche Malaise täglich besiegendes Dichterleben.

Die Dinge flammen auf

Literatur-Nobelpreis für Tomas Tranströmer

Günter Grass erhält den Literaturnobelpreis 1999, weil er – so die Begründung der Jury – „in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat“.

Wohl kein anderer schwedischer Dichter versteht es wie er, das Alltägliche zum Besonderen werden zu lassen. Der Germanist Heinrich Detering schrieb über die Haikus, dass vielleicht „keiner der bei Lebzeiten kanonischen europäischen Dichter dem zenbuddhistischen Ideal des Verschwindens aller Subjektivität, der lautlosen Hingabe so nahe gekommen“ sei wie „dieser schwedische Asket“. So mag Tomas Tranströmer denn ausharren bei seinen Herbstbüchern und Inselwinteräpfeln: „Schaut wie ich sitze/ wie ein an Land gezogener Kahn. / Hier bin ich glücklich.“

Richard Pietraß, 1946 im sächsischen Lichtenstein geboren, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er gibt die Lyrikreihe „Poesiealbum“ heraus. Zuletzt erschien von ihm „Kippfigur. Ein Kiebitzbuch über die Schulter von Richard Pietraß geschaut“, bei der Berliner Edition Zwiefach.

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