Kultur : Flugängste

Nadine Rennert im Georg-Kolbe-Museum.

Jens HinrichsenD

Rabenfedern stecken zwischen den schwarzen Besenborsten. Wären sie nicht mit ihren Stielen an einem Transportwägelchen festgesteckt, die sechs Kehrbesen würden sich glatt aus dem Staub machen. Nadine Rennert weiß ihren Objekten Flügel zu verleihen. Doch oft sind es Alpträume, in denen die Geschöpfe der Bildhauerin abgestürzt sind. Das Berliner Georg-Kolbe-Museum wird zur sur realen Bühne. In den schaurigen Haupt rollen: Phantome, Kopflose, Mutanten (Sensburger Allee 25, bis 1.2., Di.–So. 10–17 Uhr, Katalog 25 Euro).

Der Ausstellungstitel „Dem Staub ein Gegengewicht“ ist einer gleichnamigen Figur aus Polyesterwatte entlehnt. Das arme Ding, dessen tief gesenktes Haupt in einem Pappkarton steckt, hat Mühe, die Balance zu halten, kauert auf einem dreibeinigen Wackelstuhl und stützt sich mit dem Zeigefinger am Boden ab. Vis-à-vis kriechen zwei geisterhafte Mäntel, in deren Kragen schwarze Löcher klaffen, mit Glühlampenfingern aufeinander zu. Berührung und ihre Unmöglichkeit findet bei der 1965 geborenen Berliner Künstlerin immer wieder Form und Ausdruck.

Das entbehrt nicht der grimmigen Komik, wie im Fall des lebensgroßen Stoffmädchens, aus dessen Armstümpfen blutrote Kunstrosen wachsen. Bittere Kälte steigt aus Rennerts Kräuselmeer aus gelbweißem Stoff, das sich bei genauem Hinsehen als Fallschirm erweist, in dem ein Fallschirmspringer gleichsam ertrunken ist. Und obgleich über den „Schaumkronen“ noch schwarze Papierflieger schweben, heißt es hier: aus der Traum vom Fliegen. Jens Hinrichsen

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