Kultur : Flugstunden für Globetrotter

Simone Mahrenholz

Bei diesem Film wird deutlich, was der Mensch auf seinem Weg vom Kind zum Erwachsenen verliert: das Fragen. Offenbar verträgt sich Staunen und Fragen, Magie und Verstehen nur bei Kindern. Bei Erwachsenen tötet es die Anschauung: Dies scheint Regisseur und Produzent Jacques Perrin ("Mikrokosmos") gefürchtet zu haben, als er für "Nomaden der Lüfte", sein ehrgeiziges Filmprojekt über Zugvögel und Landschaften auf beinahe jegliche Erklärungen der einzelnen Verhaltensweisen und Szenen verzichtete. Perrin hat ein Bild von Unmittelbarkeit im Kopf, von der Unmittelbarkeit der Bilder. Er und sein Team waren während ihrer vierjährigen Anstrengung für diesen Film von einer quasi-religiösen Inbrunst ihrem Gegenstand gegenüber beflügelt, die zwar schön und angemessen ist, doch dem Kinopublikum gegenüber leider den Verzicht auf jegliche Aufklärung, Erklärung oder Einordnung einschließt.

Vier Jahre lang also haben Jacques Perrin, seine 7 Chefkameramänner und 17 Piloten in 35 Ländern gedreht und dafür auch schon mal einen Vogelschwarm in eine Lufthansa-Maschine verfrachtet, um ihn andernorts nach bezwungenen Grenz- und Visa-Problemen anmutiger vor der Kamera zu inszenieren. Sie haben die atemberaubendsten Landschaften abgelichtet, die Straße von Gibraltar, die Deltas der Donau und des Bosporus, die Wüste von Judäa, das Nil-Delta, Tasmanien und Borneo, und für jeden halbwegs neugierigen Menschen beginnt hier das Problem. Man sieht diese unglaublichen Landschaften, diese heilig-expressiven Schründe, alle auf unserem kleinen Planeten, und hat nicht den Hauch einer Ahnung, was man da gerade sieht. Schlimmer noch, man weiß mit niederschmetternder Gewissheit: Man wird es nie erfahren. Denn das Konzept des Films sieht derlei Informationen nicht vor. Dabei hätten gelegentliche Einblendungen von Ortsnahmen nicht gestört. Ebenso bei den Vögeln: Zwar erfahren wir oft Namen sowie die Kilometerangaben ihrer Reise, doch die Informationen zur Route beschränken sich auf Anfangs- und Endpunkte.

Flügelmusik

So ist man also auf die Bilder geworfen: eindrückliche Bilder von fliegenden Vögeln. Und nie gesehene. So begreift man erst jetzt, dass man Vögel nicht mehr fliegen sieht, wenn die Kamera mitfliegt! Stattdessen entsteht ein sehr eigenartiger Effekt: Die Vögel rudern und rucken, da sie scheinbar nicht vom Fleck kommen, was aber drastisch offenbart, wie ungemein anstrengend das Fliegen oft sein muss. Dazu kommen pfeifende Schwingen-Geräusche, häufig derart präzise, dass man staunt, ob Geräuschemacher hier wohl nachträglich nachgeholfen haben. Das Mikro kann sich kaum neben der Schwingen-Spitze befunden haben. Diverse fesselnde Aspekte dieses Film-Projekts sieht man nie, die abenteuerlichen Fluggeräte nämlich, mit denen die Kamerateams arbeiteten: neue Konstruktionen wie Ultraleichtflugzeuge mit dem Motor eines Mopeds oder Deltadrachen, die die Vögel als einen der ihren akzeptieren. Perrin hat auf seinem Landsitz in der Normandie eigens eine Vogel-Schule errichtet, in denen 20 Betreuer frisch geschlüpfte Gänse aus Kanada und Pelikane aus Afrika an Menschen gewöhnten, was so weit ging, dass Chefpilot Jean-Michel-Rivaud ihnen mit seinem Ultra-Leichtflugzeug buchstäblich Flug-Stunden gab!

Die wenigen Informationen aus dem Off beschränken sich auf quasi-poetische Einstimmungen. Dafür ist die dröhnende Musik von Bruno Coulais umso expliziter: Musik, die leider wenig Raum für individuelle Wahrnehmung und ihre Rätsel lässt. Der Soundtrack und gleich zwei Bücher zum Film, davon eines für Kinder, liegen bei dieser französisch-deutschen Co-Produktion nach amerikanischem Vorbild überall zum Kauf bereit. Und die Lufthansa, mit der der Film neben anderen eine Marketing-Symbiose einging, bietet auf ihrer Homepage Infos zum "Making of" des Films.

Der verrückte Blick

Von den 300 Stunden belichtetem Material sieht man in den verbleibenden 99 Minuten erst den Aufbruch der Vögel im Frühjahr aus Europa, später dann den Rückweg, vielfach unterbrochen durch zahllose individuelle Episoden mit Beinahe-Katastrophen, die nicht selten bei Kollisionen mit anderen Tier-Arten oder Menschen entstehen. Generell hätte man dem eindrucksvollen Film manchmal eine weniger megalomane Haltung gewünscht: statt noch zahlreicherer Länder, noch mehr Vögeln und noch häufigeren Schnitten einen ruhigeren, konzentrierteren Ansatz und mehr Informationen. Dafür gewährt er einem etwas, das man von jedem Kunstwerk erwartet und kaum je bekommt: eine drastische Verschiebung der Wahrnehmung des eigenen Lebensraums.

Wenn in der Mitte des Films eine Gruppe von Zugvögeln plötzlich im Manhattan-Abendlicht die World-Trade-Center entlangstreift oder in Paris den Eiffelturm passiert, und dies mit derselben Selbstverständlichkeit wie die Weiten der Antarktis, spätestens dann erwischt einen eine leicht ver- und berückende Blick-Verschiebung: sieht man plötzlich, wie sich das Menschliche und seine Zivilisation in die Relativität hinein auflösen.

Es scheint, dass der Druck auf den Betrachter, Mensch zu sein, nachlässt: der Druck der inneren Wände im Kopf. Ein eindrücklicher, faszinierender Effekt.

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