Kultur : Flugzeugabsturz: Abenteuer Wolkenkratzer

Robert Kaltenbrunner

Seit den Terrorattacken auf die Twin Towers scheinen die Zentren der globalisierten Welt jäh aus ihrem Höhenrausch erwacht. Mit den aktuellen Bildern aus Mailand haben sich die einstigen Objekte des Stolzes erneut in bedrohliche Symbole verwandelt. Auch die Architekturvisionen für Ground Zero, wie sie kürzlich in Manhattan vorgestellt wurden, halten den spezifisch deutschen Ambivalenzen zum Thema Hochhausbau einen Spiegel vor.

In London und Frankfurt, wo man sich gewöhnlich leidenschaftlich um die höchsten und schönsten Wolkenkratzer Europas streitet, schweigt man gegenwärtig diskret, stellt aber die ehrgeizigen Projekte nicht in Frage. Das ist keineswegs unvernünftig. Zwar sind Wolkenkratzer in der Tat nicht in toto zu schützen, aber ist das ein triftiges Argument gegen ihren Bau? Schließlich lässt sich kaum ein spektakulärerer Terrorangriff vorstellen als der auf den Düsseldorfer Flughafen zu Ferienbeginn oder auf Publikumsmagneten wie die Fußballarenen während eines Champions-League-Spiels. Kein vernünftiger Mensch würde jedoch deswegen darauf verzichten wollen.

Die Frage, ob Hochhäuser nach dem 11. September noch zu verantworten seien, läuft ins Leere, wenn bloß auf ihre "Verletzbarkeit" verwiesen wird. Denn das Feindbild Hochhaus ist so alt wie der Bautypus selbst. In den USA wandten sich Bibelfeste anfangs vehement dagegen. Kaum erreichte die erste Welle des Turmbaus in den zwanziger Jahren Europa, erhoben sich vor allem deutsche Stimmen, die in der düsteren Vision von Fritz Langs "Metropolis" gipfelten. Seit babylonischen Zeiten wird das Bauen in die Höhe von aberwitzigen Verheißungen und archetypischen Ängsten begleitet, von Projektionen und Vorurteilen, ökonomischem Kalkül und sozialem Prestige.

Auch die Diskussionen hierzulande ähneln einem Glaubenskrieg zwischen Befürwortern, die auf die Förderung des Stadt-Images mit Hochhäusern als Symbol der wirtschaftlichen Dynamik verweisen, und Gegnern, die den europäischen Stadtmaßstab zerstört sehen. Nach wie vor schwanken wir zwischen kulturkritischer Reserviertheit und der Anerkennung des himmelstürmenden "Non-Stop" als globalem Lebensgesetz. Kaum je wird ein Zusammenhang entfaltet, der städtebauliche Einbindung, (kommunal-)politische Voraussetzungen und soziale Folgen, die über Bodenwertsteigerungen vermittelt sind, neben ökonomische und semiotische Faktoren stellt. Weder Sicherheitserwägungen noch bloße Wettlaufmentalität helfen da weiter. Vielmehr muss man sich mit dem klassischen Argument gegen Hochhäuser auseinandersetzen: dass sie unökologisch, antiurban und symbolisch fehlbesetzt seien.

Vom ökologischen Wolkenkratzer zu sprechen, wie etwa bei Norman Fosters Commerzbank in Frankfurt - die sich mit "Skygärten" und energietechnischen Erneuerungen ein grünes Mäntelchen umlegte - verbietet sich. Weiß man doch längst, dass bei über 50 Stockwerken das Verhältnis zwischen (Büro-)Nutzfläche und Aufzügen unwirtschaftlich und unökologisch wird und bereits Häuser mit mehr als zwanzig Geschossen zur psychischen Belastung ihrer Benutzer werden können. Aber auch das Eigenheim ist ja per se nicht umweltgerecht. Selbst Umweltgruppen drängen mittlerweile auf den Bau neuer skyscraper im Zentrum New Yorks, weil sie bei einem Wegzug von Firmen ins Umland zusätzliche Luftverschmutzung und Berufsverkehr befürchten.

Im übrigen lassen sich Ökologie und Urbanität nicht klar trennen. Manhattans Skyline ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln bestens erschlossen: Die Verdichtung lässt sich als Antwort auf den suburban sprawl der endlosen Vorstadtteppiche durchaus rechtfertigen. Während die Wolkenkratzer in den meisten anderen amerikanischen Städten von riesigen Parkplätzen umgeben sind, erhielt das World Trade Center sogar einen eigenen U-Bahn-Anschluss.

Dennoch stehen Wolkenkratzer im Ruf, ein antiurbaner Auswuchs zu sein, ein verzweifelter Versuch, Kontrolle über die anarchischen Kräfte von Spekulation und Wettbewerb zu erlangen: Wesen, die sich der Stadt gegenüber verschließen. Damit ist der "nicht-öffentliche" Charakter vieler Türme angesprochen. Tatsächlich war das Hochhaus in seiner bisherigen Karriere ein rein kommerzieller Bau, als nutzungshomogenes Geschäftshaus untrennbar mit den wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen der Marktwirtschaft verbunden. Doch schon die Einrichtung von Restaurants oder Aussichtsterrassen kann zu einer völlig anderen Rezeption führen. Die Hochhäuser Manhattans mit ihren belebten Sockelgeschossen sind auf höchst urbane Weise in das traditionelle Straßenmuster eingebunden.

Urbanität ist kein statischer Zustand. Auch die Muster der Aneignung von Hochhäusern sind ständigem Wandel unterworfen. Ihr öffentlicher, sozialer und individueller Gebrauchswert, kurz: ihre Stadtverträglichkeit erhöht sich dann, wenn die Politik für Lösungen sorgt, die die humane Gestaltung von Arbeitsplätzen ebenso wie die Qualität von Stadtraum und Stadtklima berücksichtigen. Der ästhetische (Mehr-)Wert und die symbolische Aufladung von Turmbauten sind Brennpunkte jeder Diskussion. Gleichwohl handelt sich bei den weltanschaulichen Aspekten um Sekundärtugenden, denn das entscheidende Argument für den Wolkenkratzer bleibt die Möglichkeit zur Verdichtung im urbanen Raum. Aber nur wenn das hohe Haus auch zu einer Art vertikaler Straße wird, kann seine Monofunktionalität aufgehoben werden. Erst dann dient es der Ergänzung des öffentlichen Raums, entsteht ein Ort menschlicher Begegnung.

Von solchen Überlegungen wird die Akzeptanz neuer Hochhausprojekte abhängen - nicht zuletzt dank der zunehmenden Sensibilisierung der Menschen gegenüber Umwelt und Stadtraum. Dabei kann das Hochhaus kaum als Patentlösung für alle urbanen Probleme des neuen Jahrtausends dienen. Dennoch stellt es einen unverzichtbaren Teil des Systems Stadt dar, der neben seiner evidenten ökonomischen Kraft auch kulturelle und gesellschaftliche Argumente für sich in Anspruch nehmen kann. Eine unverkrampfte Sicht auf Hochhäuser ist - angesichts des Furors von New York - nötiger denn je.

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