Kultur : Flugzeugabsturz: Kein Wunder von Mailand

Peter von Becker

Gibt es das Inbild, das abolut einzigartige Symbol einer Epoche? Kein Kunstwerk, sondern die filmisch oder photographisch zwingende Widerspiegelung der Realität? Von Hitler und Stalin beispielsweise existieren Bilder en masse, sie waren Idole des Schreckens - aber die alles verdichtende, versinnbildlichende Ikone dieser Jahrhundertfiguren gibt es so wenig wie das einzige Aufschrei-Bild etwa des Holocausts. Zu Ikonen, auch des Mitleids, werden manchmal Kinder-Bilder: der jüdische Junge in Warschau mit den erhobenen Händen, vor den Gewehren der SS. Oder das nackte, schreiend in die Kamera laufende Mädchen beim Napalm-Angriff in Vietnam.

Zum Thema Fototour: Flugzeug-Unglück in Mailand
Doch seit vorgestern Abend, seit dem Einschlag eines Flugzeuges in das Mailänder Pirelli-Hochhaus, wissen wir wieder: Es gibt ein Inbild des Horrors im 21. Jahrhundert. Also war es auch kein hysterischer oder gar blinder Reflex - nein: Es war ein sehender, ein zusehender Reflex, der sogleich die Erinnerung an den 11. September in New York wachrief.

Mit Panikmache hat der Vergleich nichts zu tun. Der Vergleich ist vielmehr zwangsläufig, weil es in unserem kollektiven Bewusstsein dieses Inbild eines rational nicht völlig ergründlichen und bis heute in seiner fatalen Zwangsläufigkeit erschreckend faszinierenden Geschehens gibt: das Heranfliegen eines Flugzeuges an ein Sekunden später flammenschlagendes Hochhaus. Und nach dem Einschlag: die Bilder, die sich so unheimlich gleichen. So, als hätte ein Dämon Regie geführt. Grafik: Pirelli-Hochhaus Dabei appellieren die Bilder auch an die Mythen, die ihrerseits nichts anderes sind als das kollektive Gedächtnis der Menschheit, wie der Philosoph Hans Blumenberg sagt. Der Turm, der sich als Wunderwerk der Moderne zugleich archaisch-babylonisch in den Himmel erhebt - und der gottverlassene Himmel, an dem als Menetekel wiederum ein Requisit der Moderne, der Technik und Aufklärung erscheint. Und sich vom vernunftgesteuerten Verkehrsmittel, das die Erfüllung eines alten Menschheitstraums verkörpert, in eine Art wahnsinnige Killerbiene verwandelt.

Natürlich war es entlastend zu hören, dass diesmal ein Schweizer, Mitte sechzig, am Steuer saß. Das klang nicht unbedingt nach Al Qaida. Doch trotz der Erleichterung im Kopf bleibt der Schatten des Vorbilds. Es gibt Menschen, die wegen ihrer Kriegserinnerungen bis heute keine Sirenen mehr hören können oder etwas so Brillantes wie Feuerwerke in Sommer- oder Silvesternächten nicht ertragen. Davon haben die kriegsfernen Kinder der westlichen Zivilisation am 11. September eine Ahnung, einen Schimmer abgekriegt. Wer sich jetzt zum Beispiel nochmals die Bilder von Mathias Rusts Flug auf den Roten Platz von 1987 anschaut, sieht sie mit völlig anderen Augen. Damals war das eine moderne Münchhaussiade, ein verblüffendes, noch nicht ganz deutbares Symbol auch für die (beginnende) Durchlässigkeit des Eisernen Vorhangs. Sieht man heute, in einem Amateurfilm, Rusts kleine Cessna am Himmel über Moskau auftauchen, näherkommen und auf den Roten Platz zufliegen, dann erwartet man für ein paar Sekunden fast unvermeidlich, dass dieses sonderbare Insekt sich jetzt gleich in die Kuppel der Basilius-Kathedrale oder des Kremls bohren wird. Die stille Landung, ohne Explosion, wirkt für einen Moment fast wie ein Inszenierungsfehler. Denn mit den Bildern von New York oder jetzt auch Mailand im Bewusstsein haben wir, gleich ob eine Boeing oder nur eine Privatmaschine, auch eine Höllenmaschine im Kopf.

Und das ist das nachwirkend Erschreckende: Die Macht dieser Bilder, weltweit wiederholt und eingesogen wie noch kein Film der Realität zuvor, kann auch jenseits von Terror, Ideologie und Politik jederzeit zur Nachahmung verführen. Gegen das Hijackinggroßer Passagiermaschinen und ihr Umfunktionieren in selbstmörderisch-mörderisch gesteuerte Bomben könnten masssiv versiegelte Cockpits helfen. Nichts aber hilft gegen Piloten, die ordnungsgemäß starten und sich unterwegs jäh in Amokflieger verwandeln.

Falls Mailand aber nur ein technischer Unfall war, dann war es auch ein unheimlicher, unglaublicher Zufall: dass eine außer Kontrolle geratene Maschine über der riesig ausgedehnten Millionenstadt wie zielsicher das einzige Hochhaus, diese Stift in der oberitalienischen Ebene trifft. Und im 26. Stock knapp unter der Spitze einschlägt, exakt in der Ikonographie (und was die Flugbewegung angeht: auch in der Choreographie) des Doppelattentats von New York. Das neue Wunder von Mailand wäre dann auch, dass gerade kaum Menschen dort oben im Pirelli-Hochhaus waren, dass kein tragendes Element des Baus lädiert wurde. Dass es nicht stattdessen den Mailänder Dom oder das Klostermit Leonardos Abendmahl traf.

Ist hier, was die Wiederholung von Katastrophen angeht, in einem milderen Fall nur das unheimliche, naturwissenschaftlich nicht erklärbare "Gesetz der Serie" am Werk? Oder ist es doch, und viel wahrscheinlicher, ein spektakulärer Selbstmord, ausgeführt von einem erfahrenen Piloten, der sonst nie und nimmer das New Yorker Szenario nachgespielt hätte? In jedem Fall sind auch die Zuschauer dieser fatalen Botschaft an die Welt noch einmal erinnert worden, was letzten September geschah: eine Zäsur, ein Zeichen für immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben