Kultur : Fluß der Steine

STEFFEN BURKHARDT

Berliner Celan-Installation von Christian Alexander KlempertVON STEFFEN BURKHARDTWenn Juden das Grab eines Verstorbenen besuchen, legen sie dort einen kleinen Stein nieder.Erinnerung wird sichtbar gemacht, wider das Vergessen - so will es ein alter jüdischer Brauch.In der Berliner Parochialkirche hat der Künstler Christian Alexander Klempert zwei monochrome Granitplatten installiert, auf deren geschliffenen Oberflächen ununterbrochen die Bilder von 280 handgroßen Steinen projiziert werden. Stein trifft auf Stein, jedoch flüchtig und fließend, ständig die Position auf der Projektionsfläche wechselnd.Der in Mecklenburg-Vorpommern lebende Künstler setzt dem Gedächtnis keinen "Schlußstein", sondern erhält es durch den kontinuierlichen Steinfluß wach.Die zwei Meter hohe Arbeit, die anmutig in die Leere der Kirche ragt, entstand zu Paul Celans "Gespräch im Gebirg". "Auf dem Stein bin ich gelegen, damals, du weißt, auf den Steinfließen; und neben mir, da sind sie gelegen, die anderen, die wie ich waren", schrieb Celan in diesem Prosatext.Das Diktum Adornos, "nach Ausschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben", widerlegte er in seiner frühen Lyrik durch eindringlich dunkle Töne der Trauer und beschwörende Formen der Anklage.Klempert versucht die Gedankengänge Celans weiterzuentwickeln: Seine angestrahlten Granitplatten senden die einzigen Lichtschimmer in die Kälte des dunklen Raumes.Hier werden weder Namen noch Daten endgültig in den Granit eingemeißelt, die Geschichte nicht als ein eindeutiger Beleg von Geschehenem abgeschlossen.Die Vergangenheit stellt sich in Form von Klemperts Installation dem Betrachter in den Weg: Das Gedenken an die endlos erscheinende Kette der auf "den Steinfließen" Liegenden soll verhindern, daß sich das Geschehene wiederholt. Parochialkirche, Klosterstr.67, bis 2.April; täglich 18.30-20.30 Uhr.Katalog 10 DM.

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