Kultur : Fluss ohne Wiederkehr

Monumental: der Dokumentarfilm „Congo River“

Christina Tilmann

Sie sind wie fahrende Häuser, riesige Fährboote, die den Kongo beschiffen. Ganze Familien finden auf ihnen Platz, samt Hausrat, Proviant für Monate, Schafen und Ziegen. Völlig überfüllte Transportmittel, oft zu mehreren aneinandergebunden, mit Zelten und Hütten bebaut, und kleinere Schiffe hängen sich noch daran. Nicht selten, dass so ein Boot auf Grund läuft und Monate lang feststeckt, die Menschen bleiben geduldig sitzen, der Proviant wird knapp, und die vorbeifahrenden Kollegen zögern anzuhalten, damit nicht auch sie stecken bleiben. Oder das Schiff kentert ganz – viele der Passagiere können nicht schwimmen, am Ufer begräbt man die Toten.

Es gehört ein gesundes Maß an Fatalismus dazu, mit diesen Fährbooten zu fahren. Auch die Fährleute wissen trotz aller Erfahrung, dass es jedes Mal eine Fahrt ins Ungewisse ist. Es gibt keine Karten, kaum Anhaltspunkte für die Navigation. Und doch gibt es keine Alternative: Der 4374 Kilometer lange Kongo ist, trotz Stromschnellen und Strudeln, die einzige Verkehrsstraße des Landes. Eisenbahn, Straßennetz im Urwald, war alles mal geplant und ist längst wieder zurückerobert von der ewig wuchernden Natur. Fast rührend wirken die Bemühungen, eine Eisenbahnstrecke wieder befahrbar zu machen. Es ist eine Sisyphusarbeit.

Der belgische Dokumentarist Thierry Michel ist monatelang mit einem Fährboot auf dem Kongo mitgereist, von Quelle bis zur Mündung. Entstanden ist „Congo River“, ein monumentaler Dokumentarfilm, eine außerordentliche Bestandsaufnahme des Landes. Nicht umsonst ist der Film auf dem Forum der diesjährigen Berlinale gefeiert worden.

Bäume hoch wie Hauswände, die das Ufer bilden, und dazwischen der schlammig-gelbe, oft gefährlich strudelnde Fluss. Und am Ufer die schäbigen Überreste menschlicher Kultur, eine einst hochentwickelte Universität für Landwirtschaft, in der ein einziger Professor noch die langsam verfallenden Exponate und Sammlungen hütet. Oder die monströsen Palastbauten aus Beton, die sich Mobuto einst in den Busch setzte, und die, im Rohzustand stecken geblieben, längst wieder überwachsen sind. Vor allem aber sieht man Schiffsruinen, rostige, gestrandete Tanker, halb im Schlamm versunken. Zeichen der Vergänglichkeit – und die tapferen Boote auf dem Fluss fahren am eigenen Schicksal vorbei.

Der Mythos des Flusses, den die Kongolesen „Die große Schlange“ nennen, die belgische Kolonialgeschichte, Reisen von Forschern wie David Livingstone und Henry Morton Stanley, werden nur kurz berührt. Wichtiger ist es Michel, dorthin vorzudringen, wo Joseph Conrad das „Herz der Finsternis“ verortet hat. Denn je weiter kongoaufwärts sich die Reise bewegt, desto mehr gerät Michel ins Kriegsgebiet: Die Rebellenarmee der Mai-Mai-Krieger verbreitet Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Entlarvend ein Besuch beim General der Rebellen, der seine Taten mit Bibelsprüchen rechtfertigt (wie überhaupt die Kirche, zwischen Mission und Ausbeutung, eine zwielichtige Rolle spielt). Der absolute Albtraum jedoch ist ein Heim für vergewaltigte Frauen, die wieder zwischen die Fronten geraten sind. Nicht alle Interviews mit diesen Frauen wollte Michel verwenden, und doch ist das, was man hört, so grauenvoll, dass man diesem Land keine Zukunft geben mag. Herz der Finsternis: Die Apokalypse ist da. Sie ist Menschenwerk.

OmU. In Berlin im Central und fsk

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