Kultur : Fluss und Damm

Blaue Noten zwischen Warschau und Athen: zum fabelhaften Abschluss des Berliner Jazzfests

Stefan Hentz
Foto: 360-Berlin

Nein, es sind nicht die Haare, diese stracken, mittlerweile auf Kinnlänge eingekürzten Borsten, die einen markanten Helm um den Schädel zeichnen. Es ist die Musik, die Carla Bley beim Jazzfest Berlin zum Ereignis macht. Dabei ist sie eigentlich nur ein Nebenthema in diesem Festival; sie spielt im Quintett ihres Lebensgefährten, des Bassisten Steve Swallow. Und doch richtet sich die Aufmerksamkeit unweigerlich auf die zarte Gestalt an der Hammondorgel.

Mit dem Programm des abschließenden Sonntags erinnerte das Jazzfest Berlin noch einmal eindringlich daran, wie es nach der Gründung 1964 als Schaufenster der Kultur des Westens schnell zu Bedeutung kam. Die großen Stars machten das Jazzfest zu einem der wichtigsten derartigen Events der Welt. Von diesem Nimbus zehrte es lange. Am Sonntag prunkte das Programm wieder einmal mit Klassikern wie eben dem Steve Swallow Ouintet oder dem Saxofonisten Charles Lloyd, der mit der Sängerin Maria Farantouri, einer Ikone der griechischen Demokratie-Bewegung der 60er Jahre, eine kosmische Brücke schlug zwischen ihren Musikwelten.

Es ist ein reines Vergnügen, zu beobachten, wie sich Stimme und Saxofon umgarnen, wie sie miteinander flirten, sich nähern, und wieder entfernen. Zu sehen, wie der Pianist Jason Moran, Reuben Rogers am Bass und Socratis Sinopoulos an der Lyra mit sparsamen Akzenten den Raum schaffen, in dem sich die Sängerin und der Saxofonist auf ihre Gleitflüge begeben können. Zu spüren wie der Schlagzeuger Eric Harland den Raum ins Schwingen versetzt. Die hohe Kunst der Improvisation, offen in alle Richtungen und erhaben über alle Fragen der stilistischen Zuordnung.

Unabhängig davon, was und wie sie konkret spielen, verknüpfen solche Musiker das JazzFest mit dem Hauch der Geschichte. Die richtige Stimmung also, um Nils Landgren, den Posaunisten aus Schweden, der seit 2008 als künstlerischer Leiter des Jazzfests wirkte, zu verabschieden. „Immer nahe an den Menschen“, lobte der Intendant der Berliner Festspiele, Joachim Sartorius, Landgrens Arbeit, „immer sich um alles kümmernd“. Und angesichts von sehr gut ausgelasteten Häusern und mehr als 8000 zahlenden Zuschauern an den Festivaltagen, kann man dieses Lob durchaus nachvollziehen. Oft spielt Carla Bley mit einer Hand einfache Linien, die die Kompositionen zusammenhalten. Es ist ein Jazz des Als-ob, angetrieben von dem furiosen Swing von Steve Swallow und dem elastischen Tschingelingeling, das der Schlagzeuger Jorge Rossy durch die Triolen tänzeln lässt, während der Saxofonist Chris Cheek und Steve Cardenas an der Gitarre mit radikal gebremster Leidenschaft die Form unterstreichen. Man kann diese Musik hören als Beschwörung altersmilder Schönheit oder auch als subtile Dekonstruktion des Höherschnellerweiter, der das Bild des Jazz prägt.

Nominell stand Polen, insbesondere der Einfluss des 1969 früh verstorbenen Filmkomponisten Krysztof Komeda, der in den 60er Jahren unter anderem für die Filme Roman Polanskis die Musik geschrieben hatte, im Zentrum des Programms. Doch es blieb undeutlich, was die polnischen Musiker von jenen anderer Herkunft unterscheidet. Wenn der Saxofonist Adam Pieronczyk mit seinem Quintett oder der Pianist Leszek Mozdzer solo ihre Hommagen an Komeda spielen, dann erschöpft sich die Inspiration in einigen Melodielinien aus dem Erinnerungsspeicher, die jedoch nicht die kühle, aber moderne Kontur von Komedas Kompositionen bekommen. Mozdzer übersetzt diesen Einfluss in ein romantisches Klavierrezital, in einen Parforceritt klassischer Anschlagskultur mit Virtuosenschein.

Dass im Zentrum dieser Kompositionen auch ein Herz schlägt, das unterstrich am Donnerstag der Trompeter Tomasz Stanko, ein Weggefährte Komedas, der hier eine neue Version von „Litania“, seiner bereits 1997 veröffentlichten Huldigung an die Musik des Freundes aufführte. Die Spannung zwischen der Vertrautheit mit den drei jungen Musikern seines Quartetts, die wie im Traum aufeinander eingespielt sind und der Offenheit der Begegnung mit dem Saxofonisten Mark Turner, für den dieses Material neu war, begann die Musik zu atmen, drehte sich und wendete sich und offenbarte immer wieder neue Facetten, Tiefen und Farben.

Und so wie dieses Konzert dem Donnerstag ein Glanzlicht aufsetzte, gelang dies am Freitag Abend Michael Wollnys Trio , das in den letzten sechs Jahren kometenhaft an die europäische Spitze gestartet ist. So jung die drei Musiker sein mögen, so außergewöhnlich ist ihre Musik: fern von den Klischees von Swing und Blue-Notes, fulminant und mitreißend noch dann, wenn die gleichförmige Bewegung versiegt, harmonisch in den härtesten Clustern und Geräuschbildern, sensibel und spontan und in enger Verbindung miteinander. Der vertraute Fluss von Harmonie zu Harmonie ist hier gebändigt wie in einem System von Staudämmen und Schleusen, deren Regelung die Musiker immer wieder neu aushandeln.

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