Kultur : Flussufer der Verlorenen

FORUM „Congo River“ von Thierry Michel

Silvia Hallensleben

Ist es ein schwimmendes Dorf? Eine postbiblische Arche Noah? Oder eine hoffnungslos überbevölkerte Insel, die sich vom afrikanischen Festland getrennt hat und jetzt träge Richtung Atlantik treibt? Natürlich drängt es sich auf, die mit alten und jungen Menschen, Hütten und Feuerstellen, Leguanen und geschlachteten Affen bepackten Flussbarkassen als Sinnbild für afrikanische Hoffnungslosigkeit zu begreifen. Doch wir sind nicht bei Angelopoulos. Und die Kongoboote sind ganz schlicht das einzige verbliebene Transportmittel in einem Land, dessen Verkehrssystem ebenso zusammengebrochen ist wie andere staatliche Einrichtungen. Ein gefährliches Gefährt: Wasser, Profitstreben der Reedereien und Gewalt machen die Reise zum Glücksspiel. Doch der Kongo ist die Lebensader Afrikas. Zwei Drittel seiner fast 4400 Kilometer sind schiffbar. Dazwischen sperren Wasserfälle und Stromschnellen den Verkehr. Und der Krieg um die Rohstoffe, der den Südosten unsicher macht.

Die heutige Demokratische Republik Kongo war früher belgische Kolonie. Doch nicht nur deswegen fühlt sich der belgische Filmregisseur Thierry Michel der Region verbunden. Seine Mobutu-Abrechnung „Mobutu, roi de Zaire“ (2000) hat im Kongo Nationalgeschichte mitgeschrieben. „Congo River“ ist nicht so offensichtlich politisch, doch nicht minder ambitioniert. Denn die atemberaubende Filmreise will den Mythos vom Herz der Finsternis ebenso zeigen wie dekonstruieren. Die – im Kommentar leider zu aufdringlich geratene – Narration folgt den Spuren der Kolonialisten vom Flusslauf hinauf zu den Quellen: Erst in der erhabenen Vogelperspektive, dann unten beim Fußvolk, das auf Bodenhaftung angewiesen ist und doch oft bei religiösen Heilsversprechern landet. In den Universitätsruinen am Flussufer werden zu Kolonialzeiten ausgestopfte Vögel wie Fetische gehütet. Wir treffen Pfarrer und Mai- Mai-Rebellen, ihre vergewaltigten Opfer und die, die ihnen helfen.

Thierry Michel stellt Krieg und Elend nicht aus, im Gegenteil: Er versucht, einer möglichen Zukunft eine Stimme zu geben, die auch ästhetisch trägt. Auch deswegen ist „Congo River“ opulent mit High-Definition-Kamera und großem Team gedreht.

Heute 16 Uhr (Cinestar 8), 14. 2., 10 Uhr (Cinemaxx 3), 15. 2., 20 Uhr (Arsenal)

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