Kultur : Flut im Wohnzimmer

Stephan Landwehr beherbergt seine Kunst in einer ehemaligen Kreuzberger Wäscherei

Ulrich Clewing

JUNGE SAMMLUNGEN IN BERLIN (2)

In Berlin gibt es zu wenig Sammler. Das hört und liest man seit Jahren immer wieder. Und weil man es irgendwann nicht mehr hören möchte, haben wir uns auf die Suche begeben. Nicht nur nach den großen, bereits bekannten Sammlernamen, nach abgeschlossenen, international bedeutenden Kollektionen, die es selbstverständlich auch in Berlin gibt, sondern nach Menschen, die leidenschaftlich gern mit Kunst leben und sich deshalb eine Sammlung aufbauen.

Auch im lauten, quirligen Kreuzberg gibt es Refugien: Oasen der Ruhe mitten im Trubel. Man muss nur wissen, wo man sie findet. Dann tut sich hinter einer unscheinbaren Tordurchfahrt unvermutet eine Idylle auf: ein kleiner privater Hinterhof mit Tonfliesen am Boden, Holztischen und weit geöffnete Türen zur Küche und zum großen Wohnraum hin.

Seit zwei Jahren wohnt Stephan Landwehr hier in der Remise, die früher eine Wäscherei beherbergte und nach seinen eigenen Plänen umgebaut wurde. Gründe für den Umzug gab es für ihn, der davor ein Loft in den Gipshöfen in Mitte gemietet hatte, eine ganze Reihe. Ein entscheidender: In seiner neuen Wohnung ist mehr Platz an den Wänden, außerdem verfügt das Zimmer im ersten Stock über eine lichte Höhe von 5,50 Meter, was der eigenen Kunstsammlung sehr zugute kommt.

Und schon regt sich der erste Widerspruch: „Ich frage mich manchmal“, sagt Landwehr, „was das eigentlich heißt, Sammler zu sein? Was ich besitze, ist ja doch eher bescheiden.“ Bescheiden, wenn es um die reine Menge geht, vielleicht. Aber dafür spürt man bei jedem der ungefähr sechzig Werke in der Sammlung des 45-Jährigen auf Anhieb, dass es mit Bedacht und innerer Stimmigkeit erworben wurde.

Seit etwa zehn Jahren kauft Landwehr Kunst. Erheblich länger schon beschäftigt er sich damit, verdient sogar sein Geld mit Gemälden. Die Bilderrahmung Landwehr, ein kleiner mittelständischer Betrieb in der Naunynstraße in Berlin-Mitte, ist seit über zwei Jahrzehnten einer der renommiertesten seiner Art in Berlin. Groß geworden mit dem Boom um die Neuen Wilden, hat der ehemalige HdK-Student des Faches Wirtschafts- und Gesellschaftkommunikation seine Stellung als Rahmenbauer für aktuelle Kunst mit der Zeit ausgebaut und gefestigt. Dass er im Umgang mit Kunst geübt ist, merkt man Landwehr an: Das Verhältnis zu seinen Werken hält auf angenehme Weise die Waage zwischen Hingabe und Nachlässigkeit.

Stephan Landwehr ist keiner, der seine Kunst wegsperrt oder davor so sehr in Ehrfurcht erstarrt, dass er sie sich nicht anzufassen traut. Er lebt damit, freut sich daran, aber macht die Sache andererseits nicht komplizierter als nötig. So kommt es vor, dass er seinen Fernseher auf eine Skulptur von Manfred Pernice stellt, weil sie exakt die richtige Höhe hat – „und Manfred Pernice in seinen Installationen auch oft Videos zeigt“. Oder Sarah Lucas, die Engländerin mit dem ausgeprägten Hang zur Drastik. Von ihr besitzt Landwehr die Arbeit „The great flood“ (die große Flut): ein Klo, das mitten im Raum im ersten Stock platziert und – dem Willen der Künstlerin entsprechend – handwerklich korrekt an die Wasserversorgung angeschlossen ist. Abgesehen davon, dass ein freistehendes Klosett in einem Wohnraum grundsätzlich einen dezent surrealistischen Eindruck hervorruft, wird das unstille Örtchen durchaus hin und wieder seiner ursprünglichen Nutzung zugeführt. „Warum auch nicht", sagt Landwehr.

Das bedeutet nicht, dass Landwehr die Kunst leichtfertig oder gar respektlos behandelt, im Gegenteil. Er überlegt lange, bevor er ein Stück kauft, bisweilen zu lange. Und er hat „ein, zwei Freunde", mit denen er sich berät und die er um ihre Meinung bittet. Denn „Schlechte Kunst fängt nach vier Wochen an zu nerven“, sagt Landwehr, und die Art, in der er das sagt, signalisiert, dass dieser Fall unbedingt zu verhindern ist.

Die rätselhaften Bilder von Sean Landers, Daniel Richter, Jonathan Meese und Peter Doig, die fröhliche Art Brut von Tal R, die Leuchtkästen von Daniel Pflumm, fünf fantastische Uhren von Andrea Zittel oder die Pop-Zeichnungen von Raymond Pettibon und Marc Brandenburg: Die Kunst, die Landwehr interessiert, sollte stets einen Rest Unerklärbares haben. Er mag es nicht, wenn man Werke sofort bestimmten Kategorien zuordnen kann, sie „eintütet“, wie er sagt, was nicht zufällig ein bisschen wie „töten“ klingt. Wenn man dagegen die Dinge unvoreingenommen betrachtet, dann können die scheinbar banalsten Gegenstände eine ungeheure Kraft und Poesie entfalten.

Auf einem kleinen Holzregal in einer Ecke im oberen Stockwerk stehen vier schon leicht abgegriffene, mit Wasser gefüllte Plastikflaschen. An sich ein denkbar unspektakuläres Arrangement von der Künstlerin Kirsten Pieroth, bis man erfährt, dass das Wasser in den Flaschen aus jedem einzelnen der vier Weltmeere stammt. Stephan Landwehr schmunzelt zufrieden: „So langsam nimmt das Ganze Form an.“

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