Kultur : Flut und Segen

Die Stadt Dresden klagt über ausbleibende Besucher – dabei sind alle Kulturinstitutionen längst wieder in Betrieb

Bernhard Schulz

Der Programmpunkt „Elbefahrt von Pillnitz nach Dresden“ musste in letzter Minute gestrichen werden. Der Pegelstand war auf 72 Zentimeter gefallen – das ergibt, so Michael Lohnherr, Chef der „Sächsischen Dampfschifffahrt“, „in der Mitte der Fahrrinne eine Tiefe von 1,10 Meter, da können unsere Raddampfer nicht mehr schwimmen.“ Also fand die Flutfolgen-Besichtigungstour mit dem sächsischen Kulturminister Matthias Rößler (CDU) zwangsweise nicht, wie geplant, auf dem Fluss, sondern am sicheren Ufer ihren Abschluss.

„Mir liegt daran, dass Sie in alle Teile der Republik die Botschaft mitnehmen, dass die Flut lange vergangen ist und dass es sich lohnt, in den Freistaat zu kommen“, wiederholte Rößler beständig seine Losung. Denn anders, als dieser Tage bei einem Besuch der Altstadt Dresdens zu vermuten ist, sind die Einbrüche in der Tourismusbilanz nach der Jahrhundertflut noch immer nicht aufgeholt. Bei den Übernachtungen, die im vergangenen Jahr insgesamt um gut 15 Prozent zurückgingen, klafft im ersten Halbjahr 2003 neuerlich ein Minus von 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Generell liegt der Verdacht nahe, dass die Schreckensbilder der Flut noch immer nicht von den positiven Nachrichten des Wiederaufbaus überlagert und verdrängt werden konnten.

Diese Rückkehr zur Normalität zu demonstrieren, war Sinn und Ziel der ministeriellen Besichtigungstour aus Anlass des Jahrestages der Elbflut. Heute vor einem Jahr, erreichte sie mit einem Pegel von 9,40 Metern ihren Höchststand. Dabei ist in Dresden – anders als entlang der Zuflüsse wie der Weißeritz – nicht so sehr die Substanz der Gebäude geschädigt worden, sondern die aufwändige Technik, die in den zurückliegenden Jahren in den Kellern installiert wurde, ob bei Semperoper (25 Millionen Euro Schaden), Staatsschauspiel (12,7 Millionen) oder Staatlichen Kunstsammlungen (17 Millionen).

Die enge Verzahnung von Kultur und Tourismus gab es im Elbflorenz schon immer. „60 Prozent der Übernachtungen sind touristisch“, betont Yvonne Kubitza, Leiterin der Dresden-Werbung: „Nur 40 Prozent sind Geschäftsreisen.“ Dresden steht und fällt mit dem Kulturtourismus. Wenn die Flut ihr Gutes hatte, dann, dass diese Erkenntnis Gemeingut der Politik geworden ist. Das gilt zuallererst für die Semperoper, fester Bestandteil aller Pauschalarrangements. Dem trägt das Haus mit 400 Veranstaltungen im Jahr Rechnung. Der neue Intendant Gerd Uecker, frisch aus München gekommen, hebt denn auch die hohe Eigenfinanzierungsquote von 30 Prozent hervor. Sie wurde umgekehrt der Oper zum Verhängnis, als die Flut das Haus sieben Monate lang unbespielbar gemacht hatte. Jetzt übernimmt Uecker auf Grund der Einnahmeausfälle ein Defizit in Höhe von 3,2 Millionen Euro. „Man muss auf hohem Qualitätsniveau viel anbieten, dann kann man viel erwirtschaften,“ gibt er sich zuversichtlich.

Etwas im Schatten der Oper steht das Staatsschauspiel, das erst Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem ursprünglich gemeinsamen Opernhausbetrieb ausschied und 1913 ein eigenes Gebäude jenseits des Zwinger-Grabens bezog. Das Haus, dessen Zuschauerraum erst in den neunziger Jahren in seinen zauberhaften Jugendstil-Originalzustand zurückversetzt wurde, hatte 35000 Kubikmeter Wasser und 2000 Liter ausgelaufenes Dieselöl zu überstehen. Die Bühnenhydraulik von 1913 hielt stand, die Elektrotechnik jüngeren Datums ging komplett unter. Stolz präsentiert Intendant Holk Freytag die alte Schwungradpumpe für die Bühnenmaschinerie, die tadellos läuft.

Noch härter traf es die Gemäldegalerie Alter Meister zwischen Zwinger und Opernhaus. Ihr 1992 fertiggestelltes Depot, zum Teil unter den Theaterplatz gegraben, soff vollständig ab. Die Geschichte der dramatischen Rettung von knapp 3000 Gemälden aus dem Untergrund ist oft erzählt worden; ihre nüchterne Konsequenz besteht darin, das sündteure Depot nie wieder als solches zu nutzen. Dass sich dort jetzt Restaurierungswerkstätten befinden, voll klimatisiert, ist die eine Seite; die andere ist das fehlende Depot, um dessen zukünftigen Standort heftig mit der Staatsregierung gerungen wird.

Doch die Botschaft ist auch hier klar und einfach: Das Museum ist in vollem Betrieb, und es gibt keinen, wirklich keinen Grund, aus Furcht vor Flutschäden fernzubleiben. Im Gegenteil, alle Häuser strotzen vor Energie und Aktivität. Die Semperoper beendet ihren über Jahre geplanten „Ring“ mit der um ein halbes Jahr verspäteten Premiere der „Götterdämmerung“ am untypischen 31. August, das Staatsschauspiel feiert im September 90. Geburtstag. Und da ja auch die Hotellerie die Flut zu umfangreichen Modernisierungen genutzt hat, könnte man Dresden gewissermaßen als runderneuert bezeichnen. „Wir wollen den Steuerzahlern in ganz Deutschland deutlich machen“, fasst der Kulturminister zusammen, „dass die Hilfsgelder gut angelegt sind“ – unter anderem 85,5 Millionen Euro aus dem Soforthilfeprogramm des Bundes. Und, fügt Rößler beinahe beschwörend hinzu: „Wir sind längst in der Normalität angekommen – wer uns helfen will, soll nach Sachsen kommen.“

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