Fokus DDR : Milchkanne erschlägt Revolverheld

Kuriositätenkabinett aus eigenen Beständen: Das Deutsche Historische Museum zeigt die Ausstellung „Fokus DDR“.

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Aufbau Ost. Ansicht eines Eisenhüttenkombinates auf Porzellan, 1956. Foto: DHM
Aufbau Ost. Ansicht eines Eisenhüttenkombinates auf Porzellan, 1956. Foto: DHM

Dies ist eine Ausstellung, aus der man dümmer hinauskommt, als man hineingekommen ist. Sie heißt „Fokus DDR“ und besitzt etwa den Erkenntniswert einer Parade zum Republikgeburtstag. Der Unterschied ist nur: Da ging kaum einer freiwillig hin, im „Deutschen Historischen Museum“ kostet es acht Euro Eintritt.

„Fokus DDR“ ist ein Titel von erstaunlicher Präzision. Der Kuratorin Carola Jüllig ist aufgefallen, dass zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung nicht mehr alle in der DDR gebräuchlichen Abkürzungen allen gegenwärtig sind. WBS 70 zum Beispiel. Oder IFA. Oder RFT. Oder NMG, KG, PdR. Es verhält sich mit diesen Buchstabenfolgen so: Die einen wissen, was sie bedeuten und können das nicht ändern, die anderen aber dürfen sich darüber freuen, dass es noch immer Dinge gibt, die man nicht zu wissen braucht. Dass KG „Kampfgruppe der Arbeiterklasse“ hieß, dürfte vielen neu sein und wer hätte zum Palast der Republik schon PdR gesagt?

Die Sonderausstellung befindet sich in der Spitze des Anbaus und besitzt eine ihrer tragenden Idee höchst adäquate Systematik, nämlich gar keine. Wilhelm Pieck, Sohn eines Kutschers aus der Niederlausitz, später erster und einziger Präsident der DDR, begrüßt den Eintretenden mit einer Ansprache zur Gründung der Republik, gleich darauf steht er dem Modell von Rostock Groß-Klein gegenüber sowie einem bedenklichen Ölbild: Der Maler schaut vom Balkon eines Neubaus auf ein Neubaugebiet. Normalerweise einer der traurigsten Ausblicke, die der Mensch haben kann, aber der Maler empfindet es offenkundig anders. Vielleicht hat er eben erst seine alte feuchte Wohnung verlassen und im Vordergrund des Bildes blühen große rote Geranien. „Topfpflanzen, geht spazier’n“, möchte man mit Josef Hader rufen. Sie könnten einen der typischen DDR-Dederon-Einkaufsbeutel mitnehmen, von denen genau sieben Exemplare an der Wand gegenüber hängen. Links daneben steht eine Lampe aus dem Palast der Republik, rechts eine Packung Tempolinsen und DDR-Putzmittel. Müssen wir uns das ansehen?

Obwohl ein paar wirklich atemberaubende Exponate dabei sind. Alle, die sich für Tafelschmuck interessieren, sollten kommen. Tischaufsätze waren schon immer ästhetische Katastrophen, aber das Exponat „Der Aufbau des Sozialismus“ von 1955 ist ohne Zweifel ein Solitär: Vor dem Rohbau von Häusern, die in die Zukunft ragen, drei kühne Recken auf einem Sockel, und im Sockel eine Tischuhr. Wahrscheinlich sollte sie anzeigen, wie viel Uhr Zukunft es ist.

DDR-Kuriositäten im Museum
DDR-Autokennzeichen. Objekt aus der Ausstellung "Fokus DDR", die bis zum 25. November im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Deutsches Historisches Museum
08.06.2012 13:37DDR-Autokennzeichen. Objekt aus der Ausstellung "Fokus DDR", die bis zum 25. November im Deutschen Historischen Museum in Berlin...

Diese Ausstellung ist nach Konzept und Ausführung dem Tischaufsatz ebenbürtig. Auch wenn es noch andere, durchaus bemerkenswerte Exponate gibt in diesem Kuriositätenkabinett, etwa ein Plakat aus der Ära des Kalten Krieges, auf dem eine große Milchkanne (Milch für alle! Sozialismus) einen Revolverhelden und einen Rias-Journalisten (amerikanischer Imperialismus) erschlägt. Daneben steht: „Wir machen den Bezirk Potsdam zur Milchader Berlins“.

Mit wachsender negativer Faszination fragt man, was die Kuratoren sich eigentlich dabei gedacht haben. Denn Kuratoren denken immer etwas, auch wenn es mit bloßem Auge nicht erkennbar ist. Carola Jüllig: Die Objekte „erläutern und illustrieren bekannte und (heute) unbekanntere Abkürzungen der DDR. Dieser ‚staatstragende’ Zugriff manifestiert sich auch in der Ausstellungsarchitektur, die einer Parade nachempfunden ist.“ Jetzt versteht man auch die Ansammlung von raumbeherrschenden Groß-Büsten: Marx, Engels, Lenin, Thälmann, Liebknecht … Sie alle nehmen offenbar diese Parade ab.

Vielleicht schauen die meisten schon gar nicht mehr hinter die Gips- und Bronzeköpfe – Betonköpfe sind nicht dabei –, doch das wäre ein Fehler. Nicht unbedingt weil dort aus unerfindlichen Gründen Erich Honeckers Jagdjacke und ein Jagdgewehr ausgestellt sind, dessen Schaft die sinnigen Suhler Waffenschmiede mit Elefanten und Löwen verziert haben. Auch nicht wegen des wohl selbst genähten blauen „Surfanzugs“, den zwei junge Männer 1987 auf ihrer Schlauchbootfahrt in die Freiheit tragen wollten. Allerdings wurden sie schon auf dem Weg zur Küste aufgegriffen. Nein, sehenswert ist das Plakat zur „Oder- Neiße-Friedensgrenze“ in der allerhintersten Ecke. Wahrscheinlich halten die Ausstellungsmacher es für ein Kuriosum unter anderen, dabei liegt hier der Schlüssel zum Verständnis der DDR. In ihrer Einfalt des Nächstliegenden haben die Kuratoren nur dazu bemerkt, dass diese Grenze lange „kaum durchlässig gewesen“ sei. Als sei das Wort „Friedensgrenze“ so als Propaganda entlarvt.

Was war die DDR? Zuerst und zuletzt immer nur eins: Der gelungene Versuch, die Deutschen an ihre neue Ostgrenze zu gewöhnen, wie Friedrich Dieckmann einmal gesagt hat. Bis 1990 hat die Bundesrepublik dafür gebraucht. Und auch damals war ihr die Sache nicht sehr angenehm, was nicht nur den Bürgerrechtlern der DDR wiederum unangenehm war.

Anfang und Ende der DDR. Für das Ende steht, glauben die Ausstellungsmacher, die Abkürzung NFo wie Neues Forum. So hieß die wohl größte Bürgerbewegung der DDR. Aber damals stand niemandem mehr der Sinn nach Abkürzungen; man begann gerade sehr ausführlich zu werden im eigenen Auftrag.

Abkürzungen verbergen nicht zuletzt falsche Gewöhnungen. Sie sind ein Anzeichen dafür, dass etwas kulturell Hervorgebrachtes beginnt, wie naturgegeben zu wirken. Diese Ausstellung möchte auch einen Bildungsauftrag erfüllen, wendet sich auch an Schulklassen und Lehrer. Doch was ist hier zu lernen? Zuerst wohl, dass es nicht nur staatlich verordnete, sondern auch selbstständig erworbene Dummheit gibt. Die Besucher des ersten Tages haben mehrheitlich erstaunte Enttäuschung vermerkt. „Eine Propagandashow“, schrieb einer, „zu wenig für so viel Erinnerung“ ein anderer. Wer zusätzlich zur Ständigen Ausstellung Sonderausstellungen zur DDR-Geschichte macht, sollte sich nicht auf ein Supermarkt-Konzept des Geistes verlassen, sondern Zeiträume näher beleuchten.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, bis 25.11., tägl. 10–18 Uhr

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