Kultur : Folgen des Terrors: Ausgerechnet

Tobias Symanski

Steigen jetzt die Preise für Öl und Lebensmittel?

Die Unsicherheiten sind groß, Prognosen dementsprechend schwer aufzustellen. "Man kann im Moment eigentlich nicht vorhersagen, wie sich Vergeltungsschläge im Nahen Osten auf die Preise auswirken werden", sagt Günter Schäfer vom Rheinisch Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Man kann zwar unterschiedliche Horrorszenarien annehmen, doch schnell werde das zur Kaffeesatzleserei. Eines ist klar: Ein Konflikt im arabischen Raum hat vor allem Auswirkungen auf den Rohölpreis. So stieg der Ölpreis in der Zeit des Golfkrieges Anfang der 90er Jahre kurzfristig auf über 40 Dollar pro Barrel (159 Liter). Derzeit ist die Preisentwicklung jedoch noch moderat. In den ersten Tagen nach dem Anschlag in den USA stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl von 26 auf 31 Dollar an. Das war die übliche Marktreaktion nach dem Schock. Doch schnell sorgte die Ankündigung der Organisation erdölexportierender Länder (Opec), durch eine Steigerung der Förderungsmengen die Preise stabil zu halten, für eine rasche Entspannung.

Dem Faktor Rohöl als Energieträger kommt für die Lebenshaltungskosten besondere Bedeutung zu. Der Rohölpreis bestimmt die Kosten für Heizöl und Benzin, die das Preisniveau direkt beeinflussen. Daneben spielt der Ölpreis auch bei der Produktion von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern eine wichtige Rolle.

Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst (eid) gibt trotz der angespannten Lage Entwarnung. "Solange sich das momentane Säbelrasseln fortsetzt, wird das wohl nicht auf die Preise durchschlagen." Das wäre nach Ansicht des Experten sonst schon längst passiert. Neben der Ankündigung der Opec wirke im Moment auch die konjunkturelle Talfahrt dämpfend. Hinzu kommt das nachlassende Geschäft der Fluglinien, die acht Prozent des Ölbedarfs verbrauchen. Bei einem Militärschlag der USA, der auch die Ölförderländer beeinflusst, muss die Situation neu bewertet werden.

Preisanstiege drohen aktuell eher von anderer Seite. Die Anschläge führen zu einem verstärkten Sicherheitsbedürfnis der Menschen. Erste Maßnahme: Der Kampf gegen den Terrorismus soll nach dem Willen der Bundesregierung über eine Erhöhung der Tabak- und Versicherungsteuer finanziert werden. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamt wird dies zu einem Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland im kommenden Jahr von 0,3 bis 0,4 Prozentpunkten führen. Tobias Symanski

Ist mit höheren Steuern und Abgaben zu rechnen?

Bürger müssen in Krisenzeiten immer damit rechnen, dass der Staat seine Risiken an sie weitergibt. Denn im Gegensatz zu Unternehmen hat der Staat wenig Möglichkeiten zu rationalisieren und dadurch Kosten zu vermeiden. Die Bundesregierung kann allenfalls versuchen, durch Reformen die Belastung der Bürger und der Unternehmen zu senken. Mit der Steuerreform hat Finanzminister Hans Eichel begonnen, die Einkommenssteuer zu senken. Arbeitsminister Walter Riester hat das Rentensystem reformiert, um die staatlichen Zuschüsse zur Rente langfristig zu begrenzen. Allerdings kostet allein die soziale Grundsicherung zwei Milliarden Mark Steuergeld und auch die so genannte Riester-Rente verschlingt 21 Milliarden Mark aus den Steuertöpfen bis 2008.

Mehr Reformen zur Abgabensenkung sind in dieser Legislaturperiode nicht zu erwarten - das stand schon vor den Anschlägen fest. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bekommt eine Reform des Gesundheitswesens nicht mehr hin. Daher werden wohl ab Januar die Beiträge zur Krankenversicherung auf 14 Prozent steigen, sagen die Kassen. Das belastet nicht den Bund, aber die Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Hinzu könnten höhere Beiträge für die Rente kommen, vermutet CDU-Rentenexperte Andreas Storm. Er fürchtet, dass die Sozialabgaben auf 42 Prozent (jetzt 40,8 Prozent) klettern. Zumindest die Grünen wollen das vermeiden. "Wir lassen das Ziel 40 Prozent nicht aus den Augen", sagt Christine Scheel, Finanzexpertin der Grünen.

Eine weitere Steuererhöhung in den nächsten Monaten ist unwahrscheinlich. Finanzminister Eichel hat bereits den angekündigten Erhöhungen nur unter dem Druck des Kanzleramts zugestimmt. Verlässt er noch mal die selbst gesteckte Leitplanke der Steuersenkung, wird die rot-grüne Bundesregierung zudem unglaubwürdig. Noch allerdings ist ungewiss, wie hoch die Kosten für den Militäreinsatz werden. Der Golf-Krieg hat Deutschland 17,8 Milliarden Mark gekostet. Mit drei Milliarden Mark wird die Bundesregierung also nicht weit kommen.

In der Regierung wird daher bereits gefürchtet, dass im kommenden Jahr die Mehrwertsteuer erhöht wird. Davon hätten auch die Kommunen und die Bundesländer etwas, denen 49,75 Prozent der Einnahmen zustehen. Weniger auffällig wären die Kaffeesteuer und die Branntweinsteuer, die dem Bund zusammen rund sieben Milliarden Mark im Jahr bringen. Dann hieße es in Zukunft nicht mehr nur "Rauchen für die Sicherheit", sondern auch: "Saufen für die Sicherheit." Ulrike Fokken

Werden Flugreisen in den Urlaub unbezahlbar?

Die deutsche Reisebranche verhält sich ebenso abwartend wie die Reisekundschaft: Während nach Aussage der meisten größeren Reiseanbieter in Deutschland bei Winterreisen in Schnee und Sonne derzeit als Folge der Attentate in den USA "eine deutlich spürbare Buchungszurückhaltung" besteht, so eine Firmensprecherin des Rewe-Touristikkonzerns, sehen die Veranstalter keinen Anlass, der Flaute mit Preisnachlässen zu begegnen. Alle derzeitigen Spekulationen über die künftige Preisentwicklung nennt der Deutsche Reisebüro und Reiseveranstalterverband (DRV) denn auch "spekulativ". Von seinen mehr als 5000 Mitgliedern habe es bisher "weder positive noch negative Signale" zur Buchungsentwicklung gegeben. Zur Panik wegen schleppender Buchungen bestehe in der Reisewirtschaft kein Grund.

Auch Tui Deutschland, mit 6,5 Millionen Reisegästen im Vorjahr mit Abstand der größte Reiseanbieter in Deutschland, sieht keinen Anlass, durch Preissenkungen Druck von auf Halde liegenden Reiseangeboten zu nehmen. Tui-Sprecher Mario Köpers stellt sogar "eine völlig normale Neukundenentwicklung in den Bereichen westliches Mittelmeer, Fernstrecken und erdgebundene Reisen" fest. Je weiter östlich die Sonnen-Reiseziele lägen, desto negativer sei allerdings die Buchungssituation. Köpers: "In einzelnen Destinationen haben wir sogar hohe Stornoraten, zum Beispiel in Ägypten."

Doch die Tui-Kundschaft, so rechnet man in Hannover, wird in den nächsten Tagen und Wochen auf andere Reiseziele ausweichen. "Es wird wohl zu einer Umverteilung kommen", sagt Köpers. Voraussetzung ist nach Ansicht aller Anbieter allerdings, dass nicht ein militärischer Gegenschlag der USA und ihrer Verbündeten - eventuell sogar unter Mitwirkung der Bundeswehr - Kriegsangst schüre.

Derzeit gibt es jedenfalls auch bei Neckermann Reisen aus dem Konzern Thomas Cook, der zweitgrößten Reisemarke in Deutschland, nach Feststellung des Firmensprechers Gunter Träger "keine große Stornowelle" und somit auch keinen Anlass, mit Preisnachlässen regulierend einzugreifen. Seit letzten Montag haben bei Neckermann die Tagesbuchungs-Eingänge auch wieder angezogen.

"Sehr ruhig" ist die Buchungssituation bei Dertour, dem Baustein-Reiseveranstalter des Rewe-Konzerns. Doch hofft man auch bei diesem Anbieter auf die kommenden Tage und Wochen. "Die Reisen sind nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben", stellt Firmensprecherin Anke Dannler fest. Die - nach Aussage aller Veranstalter - auffallend wenigen Reisekunden, die jetzt Angst hätten, zur Urlaubsreise in ein Flugzeug zu steigen, könne man ohnehin nicht mit Rabatten ködern. ITS-Pressesprecherin Annette Forré: "Es gibt kein Preisargument gegen die Angst!" Horst Schwartz

Steigt die Arbeitslosigkeit noch stärker?

Ja, auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt hinterlassen die Terroranschläge Spuren. Wie die genau aussehen, ist zwar noch nicht klar zu sagen. Aber die weitere Abschwächung des Wachstums und die Krise einzelner Branchen betrifft auch den Arbeitsmarkt. Die amerikanischen Luftfahrtgesellschaften wollen mehr als 100 000 Arbeitsplätze streichen und auch einige europäische Linien haben massive Kürzungspläne vorgestellt. Dagegen sieht es bei der Lufthansa (noch) vergleichsweise gut aus. Aber auch die Lufthansa reduziert Investitionen und stellt weniger Leute ein. Und wenn die Airlines weniger Flugzeuge kaufen, dann sind zum Beispiel auch die deutschen Fabriken des Airbus-Konsortiums betroffen.

Es ist unstrittig, dass die Weltwirtschaft nach dem Anschlag schwächer wächst. Die Leistung der US-Wirtschaft wird voraussichtlich im dritten und vierten Quartal sinken. Insbesondere die amerikanischen Verbraucher halten sich mit teuren Anschaffungen zurück, was vor allem die Autohersteller betrifft. Die deutschen Unternehmen waren in den vergangen zwei Jahren außerordentlich erfolgreich auf dem US-Markt und konnten dadurch rückläufige Autoverkäufe in Deutschland mehr als ausgleichen. Das wird nun schwierig; allerdings planen derzeit bis auf Opel keine deutschen Hersteller größere Kapazitätsreduzierungen inklusive Arbeitsplatzabbau.

Alles in allem sind die Aussichten für den Arbeitsmarkt schlechter geworden, weil der Abschwung nun länger dauert. Auf Grund der steigenden Produktivität durch Rationalisierungen wird ein Wirtschaftswachstum von mindestens zwei Prozent gebraucht, damit zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. In diesem Jahr dürfte die deutsche Wirtschaft aber nur um rund ein Prozent wachsen, und nur die größten Optimisten erwarten eine Wachstumsrate über zwei Prozent im kommenden Jahr. Alfons Frese

Was passiert mit dem ersparten Geld?

Das Sparbuch könne man sich sparen, lautete die Werbung, als es an den Börsen nur bergauf zu gehen schien. Heute können sich Sparbuchbesitzer ins Fäustchen lachen. Ihr Geld hat sich zwar nicht wesentlich vermehrt, aber immerhin auch nicht vermindert. Etwa 1,25 Prozent Zinsen bekommt man derzeit auf sein Sparguthaben. Aktienbesitzer können hingegen spätestens seit dem 11. September - dem Tag der Terroranschläge - nicht mehr ruhig schlafen. Zwar ist der große Crash bislang ausgeblieben, doch beinahe täglich sind die Aktienkurse in kleineren Schritten gefallen. Der Dow-Jones-Index, der die Entwicklung an der Welt-Leitbörse Wall Street widergibt, hat seitdem fast zehn Prozent, der Deutsche Aktienindex Dax sogar gut 16 Prozent und der japanische Nikkei-Index immerhin noch 2,5 Prozent verloren. Dieser Abwärtsbewegung konnten sich natürlich auch die in Aktien anlegenden Investmentfonds nicht entziehen. Immerhin sind hier die Verluste im Schnitt geringer ausgefallen.

Nicht wenige Bank- und Vermögensberater empfehlen angesichts solcher Kurseinbrüche wieder auf festverzinsliche Staatspapiere zurückzugreifen. Bundesschatzbriefe haben derzeit eine Verzinsung von gut vier Prozent. Die Durchschnittsrendite für öffentliche Anleihen liegt bei 4,61 Prozent. Doch wie sieht die Zukunft aus? Die Zentralbanken werden die Zinsen wohl weiter senken. Schlechte Nachrichten für Sparbuchbesitzer: Die Banken könnten nachziehen. Hält Finanzminister Eichel an seinem Sparkurs fest, dürften die Kurse der öffentlichen Anleihen angesichts fallender Zinsen eher steigen. Eine Gewinnchance für Anleger, die ihre Papiere vor der Zeit an der Börse verkaufen wollen. Wer seine festverzinslichen Wertpapiere bis zum Ende der Laufzeit behalten will, erhält sein Geld zu hundert Prozent zurück, und er kann mit einer festen jährlichen Verzinsung kalkulieren. Steigen die Kurse, muss sich dieser Anleger allenfalls über entgangene Gewinne ärgern.

Weitere Zinssenkungen wären auch eine positive Nachricht für die Aktienmärkte. Doch die Experten raten zur Vorsicht. Nur ausgewählte Titel sollten gekauft werden, und der Anleger muss zumindest kurzfristig weitere Kursverluste einkalkulieren. Also nichts wie weg mit den letzten Aktien aus dem Depot? Auch hier sind sich die Anlageberater im Grunde nahezu einig: Keine Panikverkäufe! Daniel Rhee-Piening

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