Folk-Pop : Harmonie-Garantie in den Wohlklangwolken

Für das zweite Album hat sich die Band Fleet Foxes aus Seattle Künstler wie Peter Paul & Mary, The Byrds, The Zombies, van Morrison und Bob Dylan zum Vorbild genommen. Ende Mai spielt die Gruppe in der Columbiahalle.

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Chorknaben. Die Fleet Foxes aus Seattle (Robin Pecknold: Mitte, vorn). Foto: Autumn de Wilde
Chorknaben. Die Fleet Foxes aus Seattle (Robin Pecknold: Mitte, vorn). Foto: Autumn de Wilde

Ein Obstgarten. Er träumt von einem Obstgarten. Nicht von einem Haus, Auto oder Boot. Ein paar Bäume auf der Wiese sollen es sein. Hier will er arbeiten, bis die Muskeln schmerzen. Derweil bedient seine Liebste in einem Café und wird den Laden schon bald übernehmen.

Es ist eine elegische Fantasie der Weltabgewandtheit und Harmonie, die Robin Pecknold im Titelstück des zweiten Fleet- Foxes-Albums entwirft. Knapp drei Minuten braucht er, um in diesem „Helplessness Blues“ seine Selbstzweifel hinter sich zu lassen und in das Garten-Wunschbild zu flüchten. Mit dem Sänger schwingt sich der zunächst von geschlagenen Akustikgitarren getragene Song ganz sanft empor, das Schlagzeug setzt ein, eine E-Gitarre, eine Pedal-Steel – selten klang Hilflosigkeit so erhebend, so schön.

Mit genau diesem betörenden Wohlklang ist die Band aus Seattle vor drei Jahren bekannt geworden. Ihr selbst betiteltes Debüt, das sich rund eine halbe Million Mal verkaufte, wurde als Instant- Klassiker des Folk-Pop gefeiert und verhalf geistesverwandten Bands wie Grizzly Bear oder Mumford & Sons zu mehr Aufmerksamkeit. Der Sound der Fleet Foxes wurde mit Simon & Garfunkel, Crosby, Stills, Nash & Young und den Beach Boys verglichen und diese Bezugsgrößen sind auch beim neuen Album wieder deutlich zu hören. Sänger und Songwriter Pecknold nennt außerdem noch Peter Paul & Mary, Bob Dylan, The Byrds, The Zombies, Van Morrison und ein halbes Dutzend weiterer Bands als Einflüsse.

Es sind die späten Sechziger und frühen Siebziger, die den 25-Jährigen faszinieren und deren Klang er mit seiner Band akribisch nachstellt. Rock oder Grunge, der bekannteste Musik-Export seiner Heimatstadt, haben ihn nie interessiert. Die Nirvana-Platten seines großen Bruders fand er schrecklich. Ironischerweise sind die Fleet Foxes beim gleichen Label unter Vertrag wie einst Kurt Cobain & Co.: Sub Pop, in den Neunzigern die Adresse für den wütenden Sound aus dem Nordwesten der USA. Jetzt sind es wieder langhaarige, bärtige Männer mit einer Vorliebe für Flanellhemden, die Seattle auf die Landkarte des Pop zurückbringen. Allerdings mit völlig anderen Mitteln und einer völlig anderen Haltung. Statt des angry young man, der seine Angst und Verzweiflung herausschreit, tritt der zurückgezogene Schrat, der sich vegan ernährt und nachdenklich artikuliert, in den Mittelpunkt.

Ihren Klang der Innerlichkeit produzieren die Fleet Foxes mit schnell gezupften Akustikgitarren, strahlenden Satzgesängen sowie einem Schlagzeug, das meist mit wattierten Schlägeln gespielt wird. Dazu kommen Gastspiele für Geige, Flöte, Klavier, Synthesizer oder Zither, die sich passgenau in die perfektionistischen Arrangements einfügen. Konventionelle Strophe-Refrain-Strukturen ignoriert das Sextett und spannt stattdessen wendungsreiche Dramaturgiebögen. Es beginnt wie im Eröffnungsstück „Montezuma“ oft mit einem Gitarren-Picking, einem mehrstimmigen, halligen „Ohoho“-Choral, woraufhin eine mehrstufige Steigerung des Songs einsetzt. Gerne starten die Foxes ihr Stücke auch mittendrin noch einmal neu, oder lassen ihre kühnen Klang-Kathedralen plötzlich verstummen.

Im Mittelpunkt des Geschehens: Robin Pecknold, der seinen Gesang so klar und schön phrasiert, dass es fast schon unwirklich erscheint. Als er im achtminütigen „The Shrine/An Argument“ für eine einzige Zeile eine etwas rauere Färbung wählt, bremst ihn der Chor sofort wieder ein mit der Zeile „Apples in the summer/All cold and sweet“. Äpfel, Sonne, Meer und Schnee – Naturmetaphern spielen wie schon auf dem Debütalbum eine große Rolle. Anders als dort gibt es jedoch diesmal keine sofort zugänglichen Songs mit einem gewissen Pop-Touch wie „White Winter Hymnal“. Sattdessen scheint es den Fleet Foxes auf ihrem zweiten Studioalbum vor allem darum zu gehen, sowohl ihre Kompositionstechnik als auch ihre Fingerfertigkeit auf eine höhere Stufe zu heben. In dieser Hinsicht ist „Helplessness Blues“ sicher ein Meisterstück: perfektes Kunsthandwerk. Doch wie beim Anblick einer extrem verschnörkelten Drechslerarbeit oder einer besonders filigranen Klöppeldecke bleibt außer einem anfänglichen Staunen nicht viel zurück von diesem Werk, das vom amerikanischen „Spin“ bis zur deutschen „Spex“ mit großer Euphorie aufgenommen wurde.

In verstörenden Zeiten wie diesen machen die Fleet Foxes ein beruhigendes Angebot: Sie spielen anspruchsvolle, handgefertigte Musik, die sich in mustergültiger Manier an kanonisiertem Kulturgut orientiert, ohne die Zuhörer mit Welterklärungsansprüchen oder allzu exzessiven Selbstbespiegelungen zu behelligen. Harmonie-Sehnsucht wird hier garantiert befriedigt. Und wenn – im einzigen wirklich überraschenden Moment der Platte – für zwei Minuten eine schimpfende, schnatternde Bassklarinette in die Idylle bricht, kann man sicher sein, dass sie bald wieder aufgeben muss.

Fleet Foxes: „Helplessness Blues“ (Bella Union/Cooperative) erscheint am 29.4.; Konzert: 25.5., Columbiahalle Berlin

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