Kultur : Folter und Liebe

„Asado verbal“: Argentinien in 15 Facetten

Laura Backes

Argentinien ist das Gastland der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse. Eigens dafür hat das Außenministerium des zweitgrößten lateinamerikanischen Staates, eine Übersetzungsförderung ins Leben gerufen, bei der nun 100 Titel argentinischer Autoren gefördert werden. Insgesamt erscheinen zum Schwerpunkt rund 200 Bücher. Die beiden Übersetzer Timo Berger und Rike Bolte haben von der Förderung profitiert und in ihrer Anthologie „Asado Verbal“ 15 junge argentinische Autoren zusammengetragen. Die stilistisch stark divergierenden Erzählungen vermitteln ein komplexes Bild der argentinischen Gesellschaft.

Nicht alle Schriftsteller skizzieren die Veränderungen der argentinischen Gesellschaft so offensichtlich wie Pedro Mairal. Sein Beitrag „Heute Früh“ liest sich wie eine Familiensaga im Schnelldurchlauf. Als Kulisse dienen die Innenräume der Autos, mit denen der Protagonist erst mit seiner Familie, dann mit seiner Frau und schließlich alleine zum Ferienhaus auf dem Lande fährt. Während der Fahrt kommt zur Sprache, was die argentinische Gesellschaft beschäftigt. Geschichten wie Oliverio Coelhos „Boa“ sind subtiler, lassen keine derart eindeutigen Interpretationen zu: Wieso verwandelt sich Francisca, die Bekanntschaft Lonatis aus einem Buchladen, beim Küssen in eine Art Sphinx, eine Schlange, die ihr Gegenüber zum Opfer macht und mit Haut und Haaren verschlingt?

Die 15 Erzählungen handeln von Themen wie Heiligenverehrung, der Leidenschaft für den Tango oder dem Leben eines Regalauffüllers. Diese unterschiedlichen Facetten geben dem Leser einen Eindruck, woraus sich die argentinische Identität zusammensetzt. Zeitlich einzuordnen sind die einzelnen Beiträge mal im perónistischen, mal im gegenwärtigen, einmal sogar in einem futuristischen Argentinien, in dem emotionaler Besitz nur noch ein Phänomen der Vergangenheit ist: „Bis ins Jahr 1996 überdauerten Begriffe wie ,ewig’ und ,fest’. Man hat sogar in einer Zeremonie geheiratet, die besagte ,bis der Tod euch scheidet’ oder so ähnlich. Absurd zu glauben, dass solch eine Folter mit Liebe zu tun haben könne.“ Eine Ansammlung von Leseproben, die neugierig macht auf mehr.

Timo Berger, Rike Bolte (Hg.): Asado

Verbal. Junge argentinische Literatur.

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010.

142 Seiten, 9,90 €.

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