Forecast Forum im Haus der Kulturen der Welt : Bemooste Lampen, klingende Bäume

Die etwas andere Art der Wettervorhersage: Das Forecast Forum beschäftigt sich mit dem zukünftigen Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Erste Entwürfe gibt es im Haus der Kulturen der Welt zu sehen.

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 Im Uhrzeigersinn: Lars Petter Hagen, Barbara Vanderlinden, Bas Princen, Markus Diebel, Eric Joris und Jürgen Mayer H.
 Im Uhrzeigersinn: Lars Petter Hagen, Barbara Vanderlinden, Bas Princen, Markus Diebel, Eric Joris und Jürgen Mayer H.Foto: Dorothea Tuch

Für Katharina Rüter liegen die Dinge auf der Hand. Ihr natürlicher Werkstoff ist genügsam und widerstandsfähig, wächst in alle Richtungen, reinigt und befeuchtet die Luft. „Wieso nutzen wir Moos nicht häufiger?“, fragt die junge Berliner Architektin beim ersten Forecast Forum, das am vergangenen Wochenende im Haus der Kulturen der Welt stattfand. Rüter möchte die urtümlichen Pflanzen in Räume integrieren, um die Lebensqualität zu verbessern. Sie schlägt vor, die Kulturen in Röhren unter der Zimmerdecke zu halten oder Designobjekte damit zu ummanteln. Das Ergebnis: Eine vollkommen vermooste Deckenlampe, zugleich Lichtspender und Luftbefeuchter.

Das Projekt heißt „Mossy Haze“ und ist eine von dreißig Arbeiten, die für das Forecast Festival im Februar in die engere Auswahl gekommen sind und nun präsentiert wurden. Viele der Vorschläge verwischen die Grenzen zwischen Genres, auch zwischen Kunst und Wissenschaft. Das ist manchmal etwas gewöhnungsbedürftig, aber genauso soll es auch sein: Forecast, das sagt schon der Name, will eine Vorhersage sein von dem, was Kunst künftig bieten und verhandeln könnte, wie sie vielleicht aussehen wird. Die Idee dazu hatte Freo Majer. Der Opernregisseur hatte in Potsdam schon einmal etwas ganz Ähnliches vor. Vor rund zwei Jahren aber musste er seine Pläne zum „Zukunftsfestival“ wegen fehlender öffentlicher Förderung begraben.

Junge Talente entwickeln neuartige Ideen

Den Ansatz der Veranstaltung hat er nun auf Forecast übertragen: Junge Talente entwickeln neuartige Ideen an den Schnittstellen von Kunst, Design und Wissenschaft und bekommen dabei Unterstützung durch Mentoren. Mehr als 360 Bewerbungen aus 75 Ländern gingen zu Beginn des Jahres ein. Das Forum hat jetzt mit Präsentationen, Vorträgen und einer Ausstellung den Blick in die erste Auswahlrunde ermöglicht. Die Fülle an Ideen aus den Bereichen Kuratieren, Fotografie, Architektur, Komposition, Design und der kryptisch anmutenden Scientific Fiction erschlägt fast. Für jede Disziplin wählt nun einer der sechs Mentoren, darunter der Architekt Jürgen Mayer H., einen Künstler aus und begleitet die Fertigstellung der Projekte bis Februar.

Die Ideen überzeugen mit teils sehr praktischen Ansätzen, viele scheinen aber auch futuristischen Träumen entsprungen zu sein – etwa Christina Della Giustinas „You Are Variations“. Seit vier Jahren wertet sie wissenschaftliche Daten zu biologischen Abläufen in Bäumen aus und übersetzt sie in Musik. Bei der Hörprobe im HKW vermengen sich Percussion-, Cello und elektronische Klänge zu einem recht monotonen, aber durchaus hörbaren Sound – dem von Erde, Baum und Mineralien. „Es geht nicht nur um die Musik, es geht auch um ein anderes Verständnis von Bäumen“, erklärt die italienisch-schweizerische Künstlerin.

Nah an der Realität: Das Pop-up-Hotel

Ganz nah an der Realität ist die Idee der Polin Joanna Banach. Sie hat ein Pop-up-Hotel entworfen, das eine Lösung für die Unterbringung von Besuchern bei Großveranstaltungen sein könnte. Die minimalistischen Module lassen sich flexibel anordnen und sind bereits fertig eingerichtet – eine Lösung für immer größere Massenevents?

Auch Svenja Schüffler, Künstlerin und Geologin aus Berlin, beschäftigt sich mit künftigen Herausforderungen. Sie plant eine Erdbebensimulation für Istanbul, beim Forum zeigte sie eine Installation aus einer mechanisch bewegten Karte der Region und ohrenbetäubendem Lärm. Damit will sie Diskussionen über das vor allem menschengemachte Risiko von Beben anstoßen. Die einstürzenden Gebäude seien schließlich die größte Gefahr. „Niemand konnte sich Fukushima vorstellen – oder niemand wollte es“, sagt sie. Ihre Science Fiction hat echtes Horrorpotenzial, gerade weil aus Kunst Realität werden könnte.

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