Kultur : Form ohne Kompromiß

BERNHARD SCHULZ

Derzeit noch sind in der Ausstellung der Berliner Akademie der Künste, "Zeichnen ist eine andere Art von Sprache", Arbeiten von Richard Serra zu sehen, des Bildhauers, dessen grafisches µuvre gegenüber den gewaltigen Stahlskulpturen im Hintergrund steht.Vor elf Jahren bereits machte der Neue Berliner Kunstverein mit einer Ausstellung auf den Grafiker Serra aufmerksam; jetzt ist es das Museum Kurhaus Kleve, das das seither stetig angewachsene druckgrafische Werk neuerlich in den Blick rückt.

Das Klever Haus lohnt ohnedies einen Besuch.Der aus den nahen Niederlanden stammende Walter Nikkels, seit der documenta 8 auch als Grafikdesigner ein Begriff, hat als Architekt in Zusammenarbeit mit Heinz Wrede seit 1989 das alte Klever Kurhaus zum Museum umgeplant und -gebaut.Die Eröffnung im Jahre 1997 zeigte eines der geglücktesten Umbauvorhaben auf dem Feld der Museumsarchitektur, dem die als Deuerleihgabe ins Haus gekommene Sammlung zeitgenössischer Kunst des Ehepaars Ackermanns ein weit über den Niederrhein ausstrahlendes Glanzlicht aufsetzte.

Zugleich bedarf ein Museum aktueller Anstöße, wie ihn die derzeitige Präsentation der Serra-Druckgrafiken darstellt.Begleitet wird die Ausstellung von einem Katalog, der als Catalogue raisonné, als annotiertes Werkverzeichnis an die Stelle des Berliner Katalogs von 1988 tritt.Dessen 45 Nummern, die das seit 1972 entstandene Werk umfassen, sind im Klever Verzeichnis auf 132 angewachsen - Beleg für die noch gesteigerte Produktivität des Künstlers, dessen Kraft doch ganz in den herkulischen Skulpturen aufzugehen scheint.Rund 40 Arbeiten sind in den Räumen des Museums ausgestellt.Mehr geht nicht - die bis ins Riesenhafte gesteigerten Formate lassen es nicht zu.Bis zu dreieinhalb auf zweieinhalb Meter kann ein einzelnes "Blatt" messen; Formate bis nahe zwei Meter Breite oder Höhe kommen mehrfach vor.Damit wird deutlich, daß Serra die druckgrafische Arbeit weder als Skizze noch gar als Illustration seiner monumentalen Skulpturen versteht, sondern als eine diesen ebenbürtige Ausdrucksform.Der Eindruck der physischen Bedrängnis, den die Stahlskulpturen ausüben, stellt sich in einer nur graduell geringeren Stärke auch angesichts der Grafiken ein.Denn ihnen ist wie den Skulpturen das Fehlen eines jeden mimetischen oder gar illusionistischen Moments eigen.Sie sind, um es in aller Knappheit zu sagen.Das differenzierte Spiel der Oberflächen, die Serra durch die unterschiedliche Behandlung im Siebdruck und durch Gebrauch von Farbrollern erzielt, entspricht dem - zumeist geringgeachteten - Reichtum der Oberflächenwirkung der Skulpturen; mit dem wichtigen Unterschied, daß die Grafik gegenüber der Skulptur aus dem Walzwerk die präzise Gestaltung der Oberfläche, das kalkulierte Neben- und Gegeneinander von glatt und schrundig, matt und glänzend erlaubt.

Immer sind die grafischen Arbeiten schwarz.Es gibt keine Farbe.Es gibt auch keine Raumtiefe, keine Figur auf Grund.Es gibt schwarze Flächen und seltener auch Striche, die das Bild von ausgeführten Skulpturen evozieren; aber eben nicht im Sinne des Entwurfs, sondern als eine parallele Aussage auf der zweidimensionalen Fläche des Papiers.Diesem spannungsreich gegen die Rechtwinkligkeit des papiernen Trägers angehenden, bisweilen angeschrägten und bisweilen gekurvten Schwarz sich auszusetzen, macht die Erfahrung des Betrachters vor den Grafiken Serras aus.

Die Erfahrung angesichts einer ganzen Gruppe Serrascher Skulpturen allerdings wartet derzeit allein auf die Besucher des Guggenheim Museum in Bilbao, wo die im vergangenen Jahr in Los Angeles gezeigte Retrospektive des jüngeren plastischen Werks in Kürze eröffnet wird.Zumindest liegt der ausgezeichnete Katalog, richtiger: das die Ausstellung begleitende Buch hierzulande vor; die Kooperation des kalifornischen Museums mit einem deutschen Verlag deutet auf die Wertschätzung, die Serra hierzulande genießt, wo ja ein Großteil seiner Skulpturen hergestellt worden ist.Im Buch entdeckt man alte Bekannte, nicht zuletzt "Berlin Junction", das nach einem nicht geglückten Anlauf für den Gropius-Bau schließlich seitlich des Haupteingangs der Philharmonie Aufstellung fand, ein doppelschaliges Werk, das mit der Erfahrung von Außen/Innen spielt.Aus dem folgenden Jahr stammen die temporären Installationen in der Nationalgalerie, die zum Beeindruckendsten zählen, was Skulptur heute im Inneren von Gebäuden zu leisten vermag.

Daß die Kraft solcher nicht-abbildenden, im besten Sinne "konkreten" Skulpturen nicht etwa mit der schieren Physis des Stahles zu verwechseln, sondern als ein künstlerisches Prinzip zu erkennen ist, machen die grafischen Arbeiten eindrucksvoll deutlich.

Kleve, Museum Kurhaus, Tiergartenstraße 41, bis 20.Juni.Werkverzeichnis 42 DM.Richard Serra.Sculpture 1985 - 1998.Steidl Vlg., Göttingen 1999, , Ln.78 DM.

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