Kultur : Formen müssen fließen

So kuschelig sieht die Zukunft aus: Eine Ausstellung feiert die Berliner Designer Vogt und Weizenegger

Daniel Völzke

Alles ist bereit, eigentlich könnte es losgehen. Noch ein paar Minuten ausruhen im selbst gestalteten Ambiente aus tiefgelegten Sofas, verschiebbaren Wänden und kuscheligen Wollteppichen – dann kommen die Besucher. Über tausend Gäste werden sich gleich durch die Räume schieben, um die Ausstellung „V+W-Design-Matrix“ zu sehen. Danach lädt das Herforder Museum Marta zur Berliner Nacht. DJs aus der Hauptstadt werden auflegen, es wird gegrillt und getrunken, der Herforder Bürgermeister wird eine Rede halten und sich begeistert zeigen.

Alles ist bereit, aber nichts ist fertig. V+W, das sind Oliver Vogt und Hermann Weizenegger. Sie sitzen auf ihrem Sofa „Butterfly“, das sie fast zu verschlucken scheint. Immer entspannt, immer auf dem Sprung. Sechs Wochen lang präsentieren die Berliner Designer sich und ihre Arbeit in der westfälischen Provinz. Sie wollen nicht bloß Objekte zeigen, sondern den Prozess ihrer Arbeit vorführen. Dafür haben sie sich in das noch junge Museum für Gestaltung und Kunst einquartiert: In der mittleren Galerie steht ein hölzernes, dreistöckiges Fertighaus, das V+W umgestaltet und eingerichtet haben. Sie wollen hier Freunde empfangen, feiern, kochen, schlafen. Im Kreuzberger Büro ist eine Rufumleitung geschaltet. „Das Raumschiff ist nun in Herford gelandet“, sagt Vogt. „Wo unsere Laptops stehen, ist das Büro.“ Und Weizenegger scherzt: „Ich hoffe, wir bekommen einen Schlüssel, damit wir außerhalb der Öffnungszeiten das Museum verlassen können.“

Das Haus ist nicht nur Herberge für die Berliner Wohngemeinschaft, sondern auch Ausstellungsobjekt. Die Besucher können etwa die vom Duo entworfene Küche bewundern: ein großer, runder Tisch, der all seine Funktionen versteckt. Der Benutzer kann die Oberfläche wegschieben und so Herdplatten und Spüle freilegen. In den Seiten verbergen sich Schränke und die Spülmaschine. Und nach dem Essen fährt aus der Mitte der Tisch-Küche eine Bar nach oben. Alles steht bereit. „Mit einigen Grundelementen eine Vielzahl von Szenen schaffen, das ist unser Traum vom eigenen Haus“, sagt Hermann Weizenegger.

Schöner neuer Postkapitalismus. Vogt und Weizenegger arbeiten zusammen, seitdem sie vor 14 Jahren ihr Industriedesign-Studium beendeten. Vor kurzem veröffentlichten sie ein Manifest. Thesen: Die Formen verflüssigen sich, der Unterschied zwischen Hersteller und Konsument werde verschwinden. Was vielen wie neoliberaler Horror vorkommt, wird von V+W als Herausforderung begrüßt: die Auflösung fester Lebensverhältnisse, Flexibilität, die Einbeziehung des Kunden in die Produktion. Die Ausstellung in Herford strahlt diesen Optimismus aus und verwischt tatsächlich ein wenig die Grenze zwischen Besucher und Aussteller.

Da gibt es etwa diese aufwändige Medieninstallation mit einem Billardtisch: Mit den Kugeln kann der Besucher steuern, welche Filme von und über V+W auf der Leinwand laufen. Auch das Archiv ist nichts Starres, sondern verzweigt sich synapsenartig zu immer neuer Erinnerung. Design ist für die beiden Gestalter ein Spiel – manchmal ein wenig zu gefällig, zu beliebig. Aber dieser Spieltrieb nährt sich aus der Freude an der Fülle, bedient sich von einer Matrix aus Erinnerung, Formen, Material und Menschen. In den nächsten Wochen werden das Museum und seine Umgebung zur Matrix.

Der 39-jährige Oliver Vogt und der 42-jährige Hermann Weizenegger, die partout nicht als „Jungdesigner“ angesprochen werden wollen, verstehen Design vor allem als soziale Angelegenheit. Obwohl sie ihre Persönlichkeit inszenieren und auf dem Ausstellungsposter wie Popstars posieren, sind Freunde, Auftraggeber, Kollegen und die vier Mitarbeiter ihres Büros doch wesentlicher Teil ihrer Arbeit. V+W haben den Berliner Designmai initiiert, für die Kreuzberger Blindenwerkstatt entwickelten sie eine spektakuläre neue Produktpalette. Zusammen mit befreundeten Kollegen formten sie Bürsten zu Vasen, Obstschalen, Eierbechern oder Massagebällen und verhalfen der altehrwürdigen Einrichtung zu einem Imagewandel.

Vogt und Weizenegger sind gelernte Industriedesigner, doch wie selbstverständlich wagen sie sich auch an Innenarchitektur. So haben sie in Berlin mit weichen, fließenden Formen und warmem Licht die Lobby und Bar des Hotels „Ku’damm 101“ gestaltet. Es ist ein sanft schwingender Retrofuturismus, die in ausladenden Stulpenformen herabhängenden Textillampen erinnern an die Höhlenromantik der siebziger Jahre. V+W spielen gerne, auch in anderen Kunstformen. Oliver Vogt produziert als VJ regelmäßig bewegte Bilder in Clubs, die Band 2raumwohnung bedankte sich bei ihm mit einer Goldenen Schallplatte dafür, dass er eine Tour visuell ausstattete und ein Video für sie drehte.

In Herford arbeiten sie mit regionalen Firmen zusammen. Die Küche entwickelten sie mit einem experimentierfreudigen Unternehmer. Die Overalls, die das ganze Team trägt, wurden nach V+W-Entwürfen von einem lokalen Bekleidungsunternehmen gefertigt. Chic sehen diese grünen Arbeitsanzüge mit den pink abgesetzten Details aus, nach einer menschenfreundlichen Industrie. Die Kleidung raschelt wichtigtuerisch, wenn die Mitarbeiter durch die „Fabrik der Zukunft“ laufen. So nennen Vogt und Weizenegger die Produktionshalle in der Hauptgalerie des Museums.

Ein Designlabor, in dem die Styroporkarosse eines Luxusautos thront, das sie in den nächsten Wochen gestalten möchten. In einer weiteren Galerie des von Frank Gehry geplanten Museums haben die Bodelschwinghschen Anstalten, eine diakonische Einrichtung aus Bielefeld, eine Manufaktur aufgebaut. Hier werden Textilien gewebt und Ausstellungskataloge gebunden und nebenbei Traditionen hochgehalten. Vorgeführt wird das Arbeitsethos einer handwerklichen Vergangenheit.

Es wird Zeit, ins Foyer zur Eröffnung zu gehen. Glücklich und gelassen schlendern Oliver Vogt und Hermann Weizenegger durch die noch leeren Hallen. Der Reinigungstrupp wischt durch die Ausstellung, Mitarbeiter kleben hastig Beschriftungen an die Wand. „Gut, dass bis zuletzt gearbeitet wird“, meint Vogt, „so überträgt sich die ganze Energie und Aufregung in die Ausstellung“. Immer entspannt, immer bereit. Niemals fertig.

Das Projekt „V+W-Design-Matrix“ ist bis zum 7. Mai im Museum Marta Herford zu sehen, Di–So 11–18 Uhr.

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