Kultur : Formidable Flatter

Das Staatsballett Berlin startet mit Jerome Robbins

Sandra Luzina

Wann hat man das zuletzt auf einer Ballettbühne gesehen: amüsierwillige Leichtmatrosen, delirierende Schmetterlinge und andere flatterhafte Geschöpfe? Und immer wieder: Girls, die ihre nylonbestrumpften Beine auf unnachahmlich elegante Weise überkreuzen. Boys mit „attitude“. Von zerrissenen russischen Seelen keine Spur. In seiner ersten Premiere in dieser Spielzeit versucht sich das Staatsballett Berlin an amerikanischem Esprit und Entertainment – was für den Choreografen Jerome Robbins noch dasselbe war. Der neue Ballettabend ist eine hinreißende Hommage an den amerikanischen Meister, der wie kein anderer zwischen zwei Welten wandelte: Er feierte Erfolge am Broadway, so mit „West Side Story“, und er hat für das New York City Ballett wunderbar humorvolle, poetische Werke geschaffen. Er spielte amerikanische Stoffe und Musik und holte den Mann und die Frau von der Straße auf die Bühne. Er mixte versiert und unbekümmert das klassische Idiom mit amerikanischen Modetänzen und Alltagsbewegungen und fing so die gesellschaftliche Stimmung in den USA ein.

Die Auswahl der Stücke legt den Akzent auf den formidablen Entertainer und den fantasievollen Humoristen, der zugleich ein genauer Menschenbeobachter war. Der Abend begeistert nicht nur durch ausgefeilte, gewitzte Choreografien, sondern durch seinen Retro-Look. Bühnenbild und Kostüme wurden den Originalfassungen der 40er und 50er Jahre nachempfunden und haben den adretten Charme alter Modemagazine.

In „The Concert“ wischt erst mal die Pianistin Marita Mirsalimova den Staub von den Tasten. Eine bunt behütete Schar von Konzertbesuchern träumt sich zu Chopin-Klängen in imaginäre Welten und projiziert seine Sehnsüchte auf das Corps de ballet. Robbins hat die schrägen Typen mit dem Schmetterlingsnetz eingefangen. Sechs nicht sehr grazile Damen vermasseln die Schlussapotheose. Ein Tänzer in gelbem Pullunder, der aussieht wie der junge Woody Allen, flüchtet vor seiner wild expressiven Partnerin. Der Pas de quatre, der die Körperverschränkungen aus Balanchines abstrakter Phase karikiert, mutiert zu einstürzenden Neubauten. Die Tänzer übertrumpfen sich in Fauxpas und demonstrieren, dass sie haarsträubend komisch sein können.

Vladimir Malakhovs flüchtiger Auftritt als unschuldig-lasziver Faun markierte den Höhepunkt des Abends. Robbins hat die mythische Szene in einen Ballettsaal verlegt. Betörend, wie Malakhov sich am Boden räkelt und streckt, die legendären Nijinsky-Posen andeutet, um sich dann wieder in sein Stretching zu vertiefen. Polina Semionova als Ballettnymphe mit offenem Haar reißt ihn kurz aus seiner Selbstvergessenheit. Robbins enthüllt die schlummernde Sinnlichkeit der Balletttänzer – und ihren fatalen Narzissmus: Selbst wenn die beiden sich physisch näherrücken, bleiben sie doch immer in ihr Spiegelbild vertieft. Für die Superstars Malakhov und Semionova ist der Pas de deux vor allem eine Gelegenheit, ihre subtile Verführungskraft zu demonstrieren.

„Fancy Free“ von 1944 machte den 26- jährigen Robbins und den unbekannten Leonard Bernstein über Nacht berühmt. Dem Ballett liegt ein simple Geschichte zugrunde: Drei Matrosen auf Landgang in New York stranden in einer Bar und versuchen, ein paar Girls aufzureißen. Rainer Krenstetter, Ibrahim Önal und Dinu Tamazlacaru brauchen ein wenig, bis sie in Fahrt kommen. Doch dann begeistern sie mit hemdsärmeligen Buddy-Charme: ob sie nun beim Synchron-Biertrinken oder Frauen-Ausspannen rivalisieren oder sich zu Jazz-Rhythmen in eine mitreißende Tanzwut steigern. Fast könnte Nostalgie aufkommen angesichts der perfekten Machart von Robbins’ Balletten. Doch Malakhovs Truppe, von der Staatskapelle Berlin unter Leitung von Paul Connelly bestens unterstützt, zeigte sich in blendender Laune. So wurde es ein rundum vergnüglicher Abend.

Vorstellungen: Do 9.11., 19.30 Uhr; Sa 11.11., 19 Uhr; Do 16.11., 19.30 Uhr

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