Kultur : Forschung hat Vorrang

Lehmann geht, Parzinger kommt: deutliche Worte beim Festakt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Bernhard Schulz

Der gewaltige Pergamon-Saal des gleichnamigen Museums kann die Menschen kaum fassen, die zur Verabschiedung von Klaus-Dieter Lehmann als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Einführung von Hermann Parzinger als dessen Nachfolger gekommen sind. Die Fanfarenstöße eines Bläserensembles rahmen die Reden, vier an der Zahl und durchweg gewichtig. „Was für ein Tag! Was für ein Ort! Was für ein Anlass!“ So beginnt, so schließt Peter-Klaus Schuster, in wenigen Monaten selbst scheidender Generaldirektor der Staatlichen Museen, seine funkensprühende Rede.

Denn Lehmanns Abschied am gestrigen Freitag ist eben keine gewöhnliche Verabschiedung. In den Ruhestand schon gar nicht, geht der am Schalttag zugleich seinen 68. Geburtstag feiernde Lehmann doch gleich ins nächste Präsidentenamt, das des Goethe-Instituts. Und auch sein Nachfolger trägt den noblen Titel bereits, als Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts.

Die Preußenstiftung sei „so etwas wie die Nationalstiftung geworden“, umreißt Kulturstaatsminister und Stiftungsratsvorsitzender Bernd Neumann die kulturpolitische Strategie Lehmanns – und rühmt dessen „Talent“, sein „Gegenüber in dem Glauben zu wiegen, er habe selbst vorgeschlagen und entschieden, was Sie von Anfang an wollten“.

Dann, Auftritt Schuster. Er ist der größte Rhetor in den Gefilden der Stiftung. Auch er rühmt ein Talent des scheidenden Präsidenten: „die Taten vieler schmückend auf sich zu beziehen“. Vergnügen im Saal, in dem der frühere Bundespräsident von Weizsäcker, der Regierende Bürgermeister Wowereit, Noch- Goethe-Präsidentin Jutta Limbach, Neumanns Vorgänger Michael Naumann und Christina Weiss sowie zahllose weitere Persönlichkeiten Platz genommen haben. Denn dieses Talent, man weiß und hört es, rühmt der Redner zugleich an sich selbst.

„Persönliche Selbstdarstellung und Eitelkeit haben wir gut in die Balance gebracht“, revanchiert sich Lehmann in seiner Abschiedsrede gegenüber dem „wunderbaren Ideengeber“ Schuster. Nobel, dass Lehmann in dieser Feierstunde seinen Mitarbeitern, allen 2000 Mitarbeitern der SPK dankt. Und seiner Gattin Lisa, die er „mit ihrer Begeisterung für eigenständige Mode und lebensfrohe Kommunikation“ liebevoll charakterisiert.

Hermann Parzinger bringt abschließend seine Antrittsrede mit erhöhter Geschwindigkeit zu Gehör, hat sich der Festakt doch schon spürbar verlängert. Vielleicht entgeht manchem Zuhörer die Brisanz seiner Worte. Parzinger, dieses Wunderkind des deutschen Wissenschaftsbetriebs, setzt deutliche Akzente. Ein Kurswechsel in Richtung Forschung und Wissensproduktion steht an: Die Stiftung sei „nur dann zukunftsfähig, wenn sie die Quellen der kulturellen Überlieferung nicht nach Sparten isoliert betrachtet, sondern sinnvoll aufeinander bezieht“. Nur daraus erwachse kulturwissenschaftliche Forschung, „und nur diese Forschung erarbeitet den Mehrwert, der unseren Horizont erweitert“.

„Vernetzung der Forschungseinrichtungen“ und „Stärkung der Forschungseinrichtungen“ heißen die beiden Ziele, die Parzinger sich setzt. Sie dürften die Stiftung gründlich umkrempeln. Sogleich will er in seinem „Umfeld“ ein „Ideenlabor“ einrichten, das „gemeinsame Themen und Querschnittsaufgaben“ benennt. Die „Scharnierstelle zwischen Kunst und Kultur auf der einen und Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite“ müsse weiterentwickelt werden. Nicht „interdisziplinär“ ist das Leitwort, sondern „transdisziplinär“, die Grenzen der Tätigkeitsfelder überwindend. So überraschte nicht, dass Parzinger hinsichtlich des Humboldt-Forums zu Bedenken gab, „welchen Stellenwert wir den Fragen der Menschen von heute einräumen wollen“. Und keinen Zweifel lässt der neue Präsident, wie er sein Amt zu führen gedenkt: Es müsse die Stiftung „als starker Akteur wahrgenommen werden, die mit einer Stimme spricht“. Mit Parzingers Stimme. Man wird sie bald hören.

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