Fortschritte im Humboldt-Forum : Die Stadt und der Kosmos

Die Planer verbreiten Begeisterung für das Humboldt-Forum – und auch einige Neuigkeiten

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Berlin ist eine Kugel. Das Humboldt-Forum aus der Fisheye-Perspektive.
Berlin ist eine Kugel. Das Humboldt-Forum aus der Fisheye-Perspektive.Kitty Kleist-Heinrich

Im Hintergrund kleben Arbeiter Fassadenteile auf den Beton. Die Schlossform steht bald nicht mehr nackt im Stadtbild, und es ist erkennbar, dass es im fertigen Zustand recht scheußlich werden kann. Der Charme des Rohbaus – dahin. Was auch ein Zeichen des Baufortschritts ist. Eröffnung September 2019? Noch im Plan.

Es gibt gute Nachrichten vom Humboldt-Forum/Schloss. Der Stiftungsrat hat Lavinia Frey zum neuen Kulturvorstand und zur Geschäftsführerin der Humboldt Forum Kultur GmbH ernannt, sie macht das hauptberuflich; das muss bei den Posten auf dieser Großbaustelle betont werden. Und der Stiftungsrat hat einem Dachrestaurant auf der Nordwestecke des Gebäudes zugestimmt, von dort soll man eine grandiose Aussicht auf den Lustgarten und die Linden bis zum Brandenburger Tor haben.

Den Blick hat man jetzt auch schon vom fünften Stock der Humboldt-Box. Dort sitzen also am Mittwoch die Herren Gründungsintendanten und die Dame von der Kultur-GmbH und reden sich in Begeisterung über das Humboldt-Forum, während in ihrem Rücken, Fenster um Fenster, das Schloss-Imitat heranwächst. Was sie nicht stören muss, denn sie sind fürs Innenleben zuständig. Da hat es einen bemerkenswerten Umschwung gegeben. Bis vor Kurzem beklagten Kritiker den Mangel an Ideen und Visionen für das Humboldt-Forum, die fehlende Leidenschaft der Museumsleute. Und nun glaubt Neil MacGregor an die „Verflechtung der Weltkulturen“ an diesem Ort, schwärmt Horst Bredekamp von Energieschüben, die das Projekt in die Humboldt-Universität hinein erzeuge, berichtet Hermann Parzinger von den wechselnden Narrativen, die es in den künftigen Ausstellungshallen zu erarbeiten gilt – und wie flexibel die Planung sei, ohne dass es zu baulichen Veränderungen kommen muss.

Es ist im Grunde der erste Auftritt der glorreichen Drei, die ja alle noch andere wichtige Jobs haben und neuerdings ein Herren-Quartett bilden: Mit dabei in der Arbeitsrunde Humboldt-Forum ist Paul Spies, frischer Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin und verantwortlich für die Berlin-Präsentation im Forum. Da werde es um die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt gehen, deren Geist und Ideen sollen sich durchs ganze Haus ziehen. Das will auch Neil MacGregor, der nun tatsächlich seine Arbeit in Berlin aufgenommen hat. Alexander von Humboldts „Kosmos“-Werk betrachtet er als ein Buch, das die Welt verändert hat und wieder neue Kraft entfaltet, da Welt-Bürger kein Privileg mehr darstellt, sondern wir das alle sind in einer Stadt wie Berlin.

Ein glänzender Verkäufer und Perspektivenentwerfer, dafür wurde er vom British Museum geholt: Vom Schloss, erklärt MacGregor, sei einmal die große Sammlungsbewegung ausgegangen, das habe zu den Bauten auf der Museumsinsel geführt und einen großen Einfluss gehabt auf die anderen Welt-Museen. Man könne die Kulturgeschichte der Menschheit nur an drei Orten so ausführlich und reich erzählen: in London, Paris und eben in Berlin. Ansonsten ist MacGregor dabei, sich einen Überblick über die Sammlungen zu verschaffen und mit seinen Kollegen zu konferieren. Paul Spies hat seinen Kuratorenstab, das Personal für die Kultur GmbH muss gefunden werden.

Viel ist in Bewegung, man weiß bloß nie, ob es genügt, ob es das Richtige ist. Die Skepsis liegt in der Diskrepanz von Innen und Außen begründet. Auch wenn es nichts ändert, muss doch festgestellt werden: Das Fassadenschloss führt schlicht langweilige Architektur auf, während das Humboldt-Forum hoch hinaus will, museologisch, intellektuell – und publikumsfreundlich darf er auch sein, der Klotz. Das hat Paul Spies, aus Amsterdam gekommen, als kluger Museumschef sofort verstanden, wenn er praktisch fragt: Wie nähert sich der Besucher dem Forum, wie wird er empfangen und geführt, wie werden die vertikalen, nicht nur die horizontalen Verbindungen in dem Riesenhaus angelegt?

Konkrete Konzepte? Immer noch nicht. Die sollen ab Herbst zu bekommen sein, und bis dahin – Dahlems Sammlungen schließen nach und nach – wird sich auch zeigen, wie schwierig die Aufgabe für Hermann Parzinger, den Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, tatsächlich ist. Er verantwortet den Umzug von über 24 000 Artefakten. Wenn aber alle Beteiligten für die Sache glühen wie Horst Bredekamp, aus dem es wie mit höheren Stimmen spricht (Das Humboldt-Forum ist Fluxus! Eine neue Verbindung von Naturwissenschaft und Geistesgeschichte! Das Humboldt-Forum für den Film öffnen! Leibniz lebt!), dann kann es nur gelingen. Eigentlich war MacGregor als Heilsbringer empfangen worden, aber da schwebt Humboldts Geist über Bredekamp, verteilt sich die Aura auf mehrere Köpfe. Das ist jedenfalls mal nicht das „Kann man nicht meckern“- und „Sowieso alles Mist“-Berlin.

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