Forum : Ein Dorf am Rande der Zeit

Nach 47 Jahren beenden das Regie-Duo Barbara und Winfried Junge ihre Chronik der Kinder von Golzow und stellen damit einen Weltrekord auf.

Kerstin Decker
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Die Geduldigen. Das Regie-Ehepaar Junge im Schneideraum. -Foto: Progress Filmverleih

Fertig. Der letzte Teil ist gedreht. Die unendliche Geschichte der „Kinder von Golzow“, die älteste Langzeitdokumentation der Filmgeschichte, ist zu Ende. In Winfried Junges Blick steht Unglaube. Auch Erleichterung. Und eine leise Trauer. 1982 waren die Golzower zum ersten Mal auf der Berlinale zu sehen, im Sammelporträt „Lebensläufe“ – Drehzeit damals 18 Jahre, 40 000 Filmmeter, 4 ½ Stunden Vorführdauer. Danach kamen die Golzower immer wieder. Und nun – nie mehr?

Lieber selbst einen Schluss setzen, die Sache mit Würde beenden, statt sie einfach auslaufen zu lassen, sagt der Regisseur. Aber Vernunftentscheidungen, gar die eigenen, sind manchmal die unglaublichsten. Denn ist er, Winfried Junge, nicht selbst längst ein Kind von Golzow? Und wie kam er 1961, keine zwei Wochen nach dem Mauerbau, ausgerechnet an diesen Ort, den kein Nicht-Golzower kennt?

Sechsundzwanzig Jahre alt war der Absolvent der Babelsberger Filmhochschule, als er das Dorf zum ersten Mal sah. Mit sechsundzwanzig denkt man noch, die Alten sind von Natur aus alt und über Fünfzigjährige gehören zu einer anderen Spezies Mensch. Ein Ort wie dieser sollte es sein: östlich von Berlin in diesem Land, wo die durchziehende Front 1945 keinen Stein auf dem anderen gelassen hatte.

Die Wehrmacht hatte noch die Golzower Kirche gesprengt, damit die Russen nicht schon von weitem sehen konnten, wo Golzow lag. Tabula rasa, Neu-Land. Es würde ganz neu beschriftet werden. Auch von diesen Lebensanfängern, denen Winfried Junge dabei zuschaute, wie sie am 1. September 1961 zum ersten Mal in ihrem Klassenzimmer saßen. Zehn Klassen auf dem Land, auch das war neu, und längst nicht alle Eltern verstanden die merkwürdige Idee, dass ein Bauernkind künftig zehn Jahre lang Theorie brauchen sollte, nur für die Praxis. Junges Kameramann hatte noch an der Berliner Mauer gebaut, als er mit Sonderbefehl nach Golzow abkommandiert wurde. Und nun standen diese viel zu großen schwerfälligen 35mm-Kameras draußen vor den Schulfenstern und blickten in den Klassenraum.

War das möglich, ein neues Leben, so neu gar wie das Schulhaus? Wer in ein Kindergesicht schaut, und nicht die Utopie darin erblickt, muss seelisch blind sein. In das Gesicht von Jürgen zum Beispiel, des kleinen Blonden, dem die Kamera sofort verfiel. „Eigentlich wollte ich den dicken Jürgen in der Mitte meines ersten Films, klug war der!“, sagt Winfried Junge. Aber sein Kameramann antworte: Unmöglich! Der hat doch eine Mimik wie ein Eisbär.

Also der weiche, lächelnde, blonde Jürgen. Kein anderer hatte diesen vom Leben ganz und gar ungekränkten Kinderblick. Dass die Filme über die Kinder von Golzow die Gesichter und Worte der Erwachsenen immer wieder konfrontieren mit denen des Kindes, das sie einmal waren, macht ihre Faszination aus. Als Winfried Junge nach 1990 anfing, Einzelporträts der Golzower zu drehen, war Jürgen wieder der erste vor der Kamera. „Das Leben des Jürgen von Golzow“ (1993/94) hatte den ersten Soloauftritt auf der Berlinale. Im letzten Jahr ist Jürgen gestorben, gerade Mitte fünfzig, an Speiseröhrenkrebs, aber eigentlich am Leben selbst. Winfried Junge und seine Frau Barbara – Ko-Regisseurin, Golzow-Archivarin und vieles mehr – haben ihn noch besucht, da ist er wohl ein letztes Mal aufgestanden.

Leben ist eine der aussichtslosesten Angelegenheiten, meint manchmal, wer diese Filme sieht. Der Regisseur widerspricht nicht, nicht mehr. Obwohl gerade diese Wahrheit nicht gemeint war am Anfang, die am allerwenigsten. Auch der letzte Teil der Golzow-Saga, der morgen im Forum gezeigt wird, versammelt keine Gewinnerporträts. Im Gegenteil.

Alle Menschen sind gleich? Sie sind es nicht einmal vor einer Kamera. Die in jener ersten Schulstunde am Fenster saßen, saßen im Licht. Andere eher im Schatten. Das Spiel des Lebens, das Licht-und-Schatten-Spiel, hatte schon mit Junges erstem Film begonnen. Jetzt, am Ende werden die Schatten-Golzower porträtiert, also die, von denen es weniger alte Aufnahmen gibt. Von denen Junge einst sagte, dass sie froh seien, anderen den Vortritt lassen zu dürfen. Eckhard und Bernhard zum Beispiel. Keine Brüder, aber sie sehen einander seltsam ähnlich, beide Maschinenschlosser, befreundet bis heute. Bernhard hat es immerhin mit der Golzower Landwirtschaftstechnik bis in die Ukraine geschafft. Oder Karin, die furchtlose Besamungstechnikerin, die selbst ausgewachsene Eber dazu brachte, sich mit einer Metallröhre fortzupflanzen. Sie ist dem Leben immer entgegengekommen, ist bis nach Wuppertal in die Altenpflege gegangen. Gut, dass auch Elke („Was geht euch mein Leben an?“, 1997) und Marieluise („Da habt ihr mein Leben“ 1997) unter den Golzowern sind. Die katholisch aufgewachsene Elke, die noch schnell heiraten musste, weil sie ein Kind bekam und inzwischen schon den vierten Mann hat. „Elke mit vier Männern!“, lacht Winfried Junge und sieht wieder das kleine blonde Mädchen vor sich. Und bloß gut, dass Marieluises NVA-Ehemann 1990 in der DDR noch vorausschauend degradiert wurde. Denn so konnte er von der Bundeswehr übernommen werden, und Marieluise hat jetzt ein Haus nahe am Rhein statt an der Oder.

Kein Film wird der Vielschichtigkeit des Lebens gerecht. Das meiste bleibt doch ungesagt. Niemand weiß das besser als Winfried Junge. Und seltsam war sie schon, die offiziöse Sprachlosigkeit des DDR-Alltags. Nicht Selbstdarstellung, Selbstverbergung war sein ungeschriebenes Gesetz.

Der Gestus der Golzow-Filme scheint manchen heute beinahe bieder, dabei sind sie einmal revolutionär gewesen. Ein Dokumentarfilm fast ohne Kommentar, ohne überhöhend-lehrhafte Interpretation.

Über jede Kindheit, die eine ist, scheint jemand die Hand zu halten. Und nachher wird sie einfach weggezogen? Dass unbegrenzte Mobilität und Flexibilität des Menschen eine Illusion ist, begreift, wer diese Filme sieht. Einfache Menschen mit meist einfachen Berufen vom Lande – sie hatten in der Mehrzahl keine Chance, mit den neuen gesamtdeutschen Wirklichkeiten nach 1990 auf Augenhöhe zu bleiben. Sie sind nicht selten die Geschmähten der Neu-Zeit und sind dabei doch die eigentlichen Opfer des Umbruchs seit 1990. Schon weil Geschichte nie opferlos ist. Umso besser, dass es Winfried Junges Golzow-Filme gibt.

16.2., 14 Uhr (Cinestar 8)

Winfried Junge, 1935 in Berlin geboren, studierte Germanistik, bevor er 1955 an die neu gegründete Filmhochschule in Potsdam ging. 1958 erhielt er sein Diplom. Junge kam bei den Defa-Studios als Regieassistent unter. 1961 wechselte er in die Dokumentarfilm- Abteilung der Defa und drehte mit „Wenn ich erst zur Schule geh’“den ersten Teil seiner Langzeitbeobachtung der Kinder von Golzow im Oderbruch. 17 weitere Filme folgten. Außerdem drehte Junge 35 Dokumentationen zu anderen Themen.

Seit 1978 betreut die in Thüringen geborene Barbara Junge, 64, das Archiv der Golzow- Filme. Sie ist zudem die Cutterin und Co-Regisseurin des Projekts.

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