Forum Expanded : Der reife Debütant

Das Debüt als Lebenswerk. Ludwig Schönherr zeigt erstmals seine Super-8-Experimente - nach 40 Jahren Arbeit.

Deike Diening
Schönherr
Premiere für Super-8-Filmemacher Ludwig Schönherr. -Foto: Mike Wolff

Wenn das Debüt eines Künstlers zugleich sein Lebenswerk ist, dann hat er eigentlich nur eine einzige Chance – und die Chance von Ludwig Schönherr, inzwischen 72, ist die Berlinale 2009.

Vielleicht wäre er für immer ein Unentdeckter geblieben, hätte nicht Beatrice „Trixi“ Cordua, Tänzerin und seine Frau seit 45 Jahren, eines Tages beherzt Filmwissenschaftler und Kuratoren des Forums zu sich nach Hause eingeladen. Und als diese ihre Wohnung in Neukölln betraten, berichten sie, da sei ihnen ein komplettes Lebenswerk entgegengekommen und habe sie überwältigt: die Regale voller Filmrollen, die Wände voller Fotos und Bilder, die Schubladen voller Konzepte und Kontaktbögen. Über eine Zimmerwand zog sich eine Collage von gehenden und stehenden Uhren – und die Besucher diagnostizierten eine Verbindung von konzeptuellem Film und Pop, die sie so noch nirgends gesehen hatten. Ein Fund „zwischen Fluxus und formalem Film“.

Hier war einer, dessen Arbeit man vielleicht am besten mit „40 Jahre Nachdenken über Medien“ beschreibt, offensichtlich saß er zwischen allen Stühlen, der Fotografie, dem Film, auch der Malerei. Die Medien selbst waren sein Thema.

Da fahndeten sie also auf der ganzen Welt nach Beiträgen für ihr Festival und hier, in Neukölln, war ein Beitrag zum experimentellen Film, zur Fotografie, einfach 40 Jahre ungestört vor sich hin gereift wie damals die Vegetation auf dem Mauerstreifen inmitten Berlins. Wie konnte das passieren? Aus welchem Grund zeigt jemand seine Arbeiten nicht?

Man kann sich aufmachen zu dieser Neuköllner Wohnung nahe dem verstummten Flughafen, sie steht voller Blumensträuße, denn die Ausstellung mit seinen Fotos, Collagen und Konzepten haben sie gerade eröffnet. Ihn bekümmerte immer, sagt seine Frau und angelt Kaffee vom Regal, das vermeintlich minderwertige Material des 8-mm-Films – denn für 16 Millimeter reichte das Geld selten und für 35Millimeter gar nicht.

„Das stimmt“, sagt er. „Ich fühlte mich immer im falschen Format.“ Er fürchtete, seinem Material hafte etwas Schäbiges, Billiges an. Man würde von Ferne riechen, dass er nur ein Amateurfilmer sei.

„Siehst du denn nicht, dass diese Super-8-Filme einen ganz eigenen Wert haben?“, fragt seine Frau. Diese spezielle Ästhetik, die Wendigkeit, die Unkompliziertheit, das, was die Kuratoren der Berlinale heute so begeistert. „Erinnere dich, du hast in New York gefilmt, das Fernsehen gefilmt, die Werbung abgefilmt, in der Wohnung, das wäre alles gar nicht gegangen mit 35 Millimeter.“

„Das kann ja sein.“

„Du hättest vielleicht nur einen einzigen Film gemacht.“

„Das wäre ja auch in Ordnung gewesen.“

Ist Ludwig Schönherr also eine Entdeckung wider Willen? Dagegen sprach, wie er auf seiner Ausstellungseröffnung gesessen hatte, in Lederjacke und buntem Blumenschal mit einem milden Gesicht, aus dem stundenlang das Lächeln nicht wich. Späte Anerkennung ist doch auch eine Anerkennung. Ach, hat Schönherr seinem Kurator gesagt, er sei 40 Jahre zu spät gekommen, er könne sich doch jetzt selbst nicht mehr erinnern, was er im Einzelnen gemeint habe.

Aber dass es ihm um Strukturen gegangen ist, das wusste er, dazu fanden sich Zettel und Listen, die diese bis ins Letzte variierten: „Baustein eines Kunstwerks sind Strukturen: Basisstrukturen, befreundete Strukturen, verwahrloste Strukturen, anarchistische Strukturen.“ Ludwig Schönherr schrieb auf: hoffnungsvolle, verlogene, krause, bösartige, herrische, stupide, medienwirksame, gütige, aufrichtige und umweltfreundliche Strukturen. Da saß einer in seiner Wohnung und textete ganz nebenbei auch den Humor in den experimentellen Film.

Während sich bei Beatrice in den 70ern einstellte, was man Erfolg nennt, denn allabendlich verneigte sich die Solotänzerin von Neumeiers Ballett in Hamburg vor applaudierendem Publikum, fotografierte er die Tänzerinnen, die zu Hause ein und aus gingen. Er schnitt sie in seinen Film über Hamburg. Er drückte häufig den Knopf für Standbilder. Das Ehepaar reiste nach New York und wohn te in der Wohnung eines befreundeten Tänzers, er filmte die Werbung aus dem Fernsehen und machte aus dem Verkehrsaufkommen einen geometrischen Witz.

Beatrice tanzte. Zu Hause reifte das Werk. Er wollte filmisch „mit der Kamera herumsudeln“ und fotografisch Neuland betreten. „Die spontane Fotografie wird aufgegeben“, schreibt er in einer kurzen Definition seiner „strukturellen Fotografie“. Er tippt auf seiner Schreibmaschine, es ist 1977: „Alle Serien werden nach sorgfältig ausgearbeiteten Fotopartituren oder Diagrammen fotografiert.“ Er machte sich vorher ein Konzept, als Endprodukt sollten Kontaktbögen stehen, dieses „ehrlichste“ aller Fotoprodukte. Er entwarf „Bilderinflation“, basierend auf der Statistik des Fernsehprogramms: Die Deutschen, fand Schönherr heraus, sahen 1977 im Durchschnitt vier Stunden und 25 Minuten fern. Das hieß: Täglich nahmen sie abertausende Bilder, viele tausend Einzelinformationen auf. Er wählte, seiner „Fotopartitur“ folgend, aus diesen Fernsehbildern einige aus, und fotografierte sie ab. Der Kontaktbogen hängt in der Ausstellung.

Es ist nicht zu klären, ob Ludwig Schönherr sich selbst nicht genug bemühte oder man ihn nicht genug förderte. Angebote von Künstlerkollegen, seiner Karriere früher auf die Sprünge zu helfen, habe er stets abgelehnt, sagt seine Frau. Zugleich aber habe er auch vom Rande jene beobachtet, die Erfolg hatten.

„Du hast doch auch eine große Wut in dir“, sagt seine Frau.

„Wirst du interviewt oder ich?“, fragt er.

Stille. Sie trinken Kaffee aus derselben Tasse.

Seine Frau war seine Filmförderung. Sie bog ihren Körper. Sie tanzte. Er bearbeitete seine Schreibmaschine mit Antworten zu Fragen, die er sich selbst gestellt hatte. Es sei ihm noch immer unmöglich, erzählt seine Frau, einfach so für ein Wochenende mit ihr nach Paris zu fahren. Was würde er denn dort arbeiten? Er wollte kein Tourist sein, nie. Er wollte „professionell gucken“, immer.

Filme am 12., 13. und 14. Februar im Arsenal. Ausstellung in der Halle A/14, Heidestr. 5 „Stupid Structures, Happy Structures“, bis 15. 2., 11-20 Uhr

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