Forum : Im Angesicht des Versprechens

Ein 278-Minuten-Rätsel aus Japan: Im FORUM-Film „Heaven’s Story“ stehen Erhabenes und Banales nebeneinander.

Helmut Merker
Hasegawa Tomoharu in „Heaven’s Story“.
Hasegawa Tomoharu in „Heaven’s Story“.Foto: Berlinale

Ein Film mit dem Titel „Himmelsgeschichte“ will hoch hinaus, ein Film mit der Länge von 278 Minuten holt weit aus. Ein Regisseur, der sich bisher mit Werken wie „Endless Sex“ oder „Red Love Affair“ im Genre der pink movies hervorgetan hat, wagt sich an etwas radikal anderes. „Heaven’s Story“ von Takahisa Zeze sprengt den gewohnten Rahmen von Raum und Zeit und stellt sich damit neben zwei andere bedeutende japanische Filme dieses Jahrhunderts: „Love Exposure" (237 Minuten von Sion Sono, 2009) und „Eureka“ (217 Minuten von Shinji Ayoma, 2000).

Ähnlich wie in „Eureka“ geht es um Mord und Totschlag, Vergeltung und Vergebung, Erinnern und Vergessen. Die Gewalttaten selbst werden nur nebenbei gezeigt. Aber sie wirken fort und fort, in Trauerarbeit und Racheplänen, ein Jahrzehnt lang, im Kreislauf der Natur und in den natürlichen Bedürfnissen des Menschen. Das erste Kapitel heißt: „Der Sommerhimmel und pinkeln“. Erhabenes und Banales stehen nebeneinander.

Zuerst wird die kleine Sato eingeführt, die nach dem Begräbnis der Eltern zum Großvater ziehen soll. Sie entwischt aus seinem Auto, beide irren durch die Stadt. Sato landet in einem Geschäft vor einem Fernseher, die Nachrichten berichten vom Tod des Mörders einer Familie. Sie hält sich die Hände vors Gesicht, denn es sind die Bilder ihrer eigenen Eltern. Dann ein neuer Fall: Eine Frau ist mit ihrem Baby ermordet worden, der verzweifelte Mann Tomoki schwört dem Täter Rache. Ihn schaut Sato fasziniert an, ihr Gesicht spiegelt sich in seinem Fernsehbild. Das Wasser strömt ihr übers Gesicht und durch die Hose – ein Moment der Befreiung. Wenig später legt sie ihre Hand auf den Arm des Großvaters und erklärt: „Ich habe beschlossen, nicht zu sterben.“ Kurz darauf: Sato allein im Schwimmbad. Neben ihr im Wasser erscheint eine Schrift, wie ein Menetekel an der Wand: „Der Mann, den ich töten wollte, starb, bevor ich eine Chance hatte.“

Ständig arbeitet der Film mit Vorausdeutungen und Rückblicken, mit Ellipsen und Zeitsprüngen. Die Schicksale von neun Haupt- und etlichen Nebenpersonen werden zu einem epischen Teppich verwoben, dessen Muster nach und nach deutlich wird – und zugleich rätselhaft bleibt. Im Angesicht der Verbrechen rücken einige Figuren eng zusammen; andere treffen kurz aufeinander, ohne zu ahnen, welche fatalen Folgen ihre Begegnung haben wird. Ein Polizist arbeitet nebenher für eine Agentur, die Aufträge für Rachemorde ausführt; eine halb taube Rocksängerin heiratet Tomoki; eine Künstlerin leidet an Alzheimer und hört von dem Wunsch des inhaftierten Mörders: „Ich möchte auch bei den Ungeborenen in Erinnerung bleiben.“

Immer wenn sich der Blick auf die Personen richtet, ist es, als wenn sich ein Beobachter nervös und behutsam einem Menschen nähert, die Kamera steht nicht einen Augenblick still, als suche sie die angemessene Entfernung, die richtige Einstellung. Im Gegensatz dazu die ruhigen Totalen der Landschaften, des Meeres, der Großstadtstraßen oder einer Ruinenstadt, in denen sich die Figuren manchmal verlieren und die den Zuschauer immer in ihren Bann schlagen.

Nach dem komplizierten Beziehungsgeflecht bleiben für die letzte Stunde etliche Fragen. Zu dem kleinen Mädchen: Ist es ein düsterer Racheengel? Zu dem langwierigen Geraufe und Gewürge der beiden Männer: Ist es ein missglücktes Showdown-Element? Zum allegorischen Spuk der Puppentänzer: Ist es ein Manierismus? Und zu der Parallelmontage zwischen dem Mann, der verblutet, und dem Kind, das geboren wird: Ist das nicht übertrieben symbolhaft? Die Antwort weiß der Himmel, es ist ja immerhin seine Geschichte. Helmut Merker

13. 2., 11 Uhr (Cinestar 8); 14. 2., 17.15 Uhr (Arsenal)

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