Landmassen stürzen ins Wasser: ein eindrückliches Sinnbild im indischen Insel-Film "Char"

Seite 2 von 2
Forum und Panorama : Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond
von
Grenzgänger, Schmuggler, Heimatlose. Auf dem Grenzfluss zwischen Indien und Bangladesch, im Forums-Film "Char - No Man's Island".
Grenzgänger, Schmuggler, Heimatlose. Auf dem Grenzfluss zwischen Indien und Bangladesch, im Forums-Film "Char - No Man's Island".Foto: Berlinale

Die Fabrik ist eine düstere Hölle mit verrosteten Maschinen und stiebenden Funken, ein archaisch-apokalyptischer Ort. Die Arbeiter erscheinen als aus der Dunkelheit herausgefräste Figuren, Höhlenmenschen im Gegenlicht. Nachtgestalten, Nachtgeschichten – sie finden sich vielfach im Forums-Programm. Zum Beispiel in „Sieniawka“, einer Endzeit-Elegie des DFFB-Absolventen Marcin Malaszczak. Sieniawka heißt ein Dorf im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck. Anfangs folgt die Kamera einem Mann im weißen Astronautenanzug über die verwüstete Zone des Braunkohletagebaus, am Ende irrt sie durch eine vom Hochwasser zerstörte Ortschaft. Dazwischen beobachtet sie alte Psychiatriepatienten im Männerwohnheim, wunderliche Kerle, letzte Menschen. Sie spielen auf einem verstimmten Klavier, schlurfen durch düstere Flure, entdecken ein verfallenes Kino. Noch eine Höhle, ein Relikt aus vorvergangener Zeit.

Geborstene Häuser, Schuttberge, Endmoränen der Zivilisation: Malaszczas Bilder der Zerstörung erinnern in ihrer Morbidität an Tarkowskis poetische Ruinenästhetik. Auch im italienischen Dokumentar-Essay „Materia oscura“ ist die Erde unbewohnbar wie der Mond. Die Filmemacher Massimo d’Anolfi und Martina Parenti erkunden das größte militärische Testgebiet von Europa, eine Küstenregion auf Sardinien, in der seit Jahrzehnten Waffen ausprobiert werden. Eine Kriegszone mitten im Friedensgebiet, ein Horrorfilm in paradiesischer Landschaft, wieder streifen Männer in weißen Schutzanzügen durch die Gegend. Ziegenhirten fristen ihr Dasein zwischen Militärschrott, das Land ist verseucht. Requiem auf ein missgestaltetes Kälbchen: Der alte Bauer kann es nicht retten.

Die Welt leidet unter Materialermüdung. In „Char – No Man’s Island“ aus Indien kann man das besonders eindrücklich in Augenschein nehmen. Auch dies ein der Dunkelheit abgetrotzter Film, eine Geisterstunde im Niemandsland des 21. Jahrhunderts. In grünstichigen Nachtsicht-Aufnahmen erkennt man die Protagonisten meist nur schemenhaft, den Jungen Rubel und seine Familie. Sie schmuggeln Reis oder Hustensaft (wegen des Alkohols) über die indisch-bengalische Grenze, verstecken sich vor den nächtlichen Zollbooten, geraten in Grenzkontrollen mit Taschenlampe, hasten über Sandwege und sumpfige Felder. Noch eine Produktion übrigens, die sich zugleich als Spiel- und als Dokumentarfilm versteht.

Die hybride Form entspricht den Protagonisten, ephemeren, nomadischen Existenzen auf der Insel Char im Ganga-Grenzfluss. Hier versammeln sich die Vertriebenen, die ihre Heimat bei Überschwemmungen verloren haben und ihrer neuen Bretterverschläge ebenfalls nicht sicher sein können: Auch die nach einem Staudammbau aus dem Wasser emporgewachsene Insel bröckelt an ihren Ufern. Unentwegt stürzen Landmassen in die Fluten, den Menschen bricht buchstäblich der Boden unter den Füßen weg. Monsun? Klimawandel? Öko-Sünden? Die Katastrophe ist menschengemacht, eindrücklichere Sinnbilder dafür hat man im Kino selten gesehen.

Krisenopfer auch in Spanien: An der Peripherie von Barcelona steht Maribel (Maribel Martí) und wartet vergeblich auf Kundschaft. .
Krisenopfer auch in Spanien: An der Peripherie von Barcelona steht Maribel (Maribel Martí) und wartet vergeblich auf Kundschaft. .Foto: Berlinale

Noch ein Krisenland, Spanien. Isabel Coixet hat einen Science-Fiction gedreht, „Yesterday never ends“ spielt in der nahen Zukunft. Vor Festivalbeginn war er nicht zu sehen, die Schauspieler mussten Verschwiegenheitsklauseln unterzeichnen, aber schon die Ankündigung im Panorama-Programm ist bezeichnend: April 2017, ein Ex-Paar trifft sich in Neubauruinen, "mehr als sieben Millionen Menschen sind arbeitslos, über drei Millionen Häuser unbewohnt, weil ihre Besitzer an den Schulden ersticken", heißt es im Programm.

Verlorene Menschen in einem verlorenen Land porträtiert auch Neus Ballús spanischer Debütfilm "La Plaga" im Forum. Ein mazedonischer Hilfsarbeiter, ein Bauer, dem eine Ungezieferplage die Ernte vernichtet, eine philippinische Altenpflegerin, eine Prostituierte am Straßenrand, die keine Kundschaft mehr hat. Und die alte, bucklige Maria, die ins Altersheim muss, weil sie keine Luft mehr bekommt. Ihre Wege kreuzen sich in der Peripherie von Barcelona, in der Hitzewelle des spanischen Sommers. Sie alle strampeln sich ab, schon die ersten Bilder vom Mazedonier, der tapfer im Wrestlingstudio trainiert, zeigen ein schweißtriefendes, vor Anstrengung verzerrtes Gesicht. In der gleißenden Sonne macht die junge Regisseurin Spurenelemente der Solidarität aus, kleine, berührende Gesten der Empathie. Da ist sie wieder, die Wut der Verzweiflung. Aber auch der Mut, der aus ihr entwächst.

Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar