Kultur : Forum: Zu still für dich

Daniela Sannwald

Etwas unwohl ist ihr, aber nicht sehr: Isa sitzt zwischen Ronny und Marek am Beckenrand; alle drei haben Handtücher umgewickelt; das Hotelschwimmbad steht an der polnischen Ostseeküste. Isa interessiert sich für Ronny, aber auch für Marek; und die Jungen interessieren sich für sie. Marek arbeitet im Hotel, Ronny geht mit Isa in eine Klasse. Zu reden gibt es nichts, und so sitzen sie da und schauen geradeaus. Eine Situation, die einfach nicht vergehen will.

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Es sind solche Szenen, die dem Berliner Regisseur Henner Winckler immer wieder ganz besonders gut gelingen: Die ganze Zähigkeit und Langeweile des pubertären Daseins bringt er in seinem Spielfilmdebüt "Klassenfahrt" auf die Leinwand, so eindringlich, dass man für Momente selbst in die Pubertät zurückversetzt wird.

Eine Berliner Schulklasse fährt nach Polen, in einen langweiligen Küstenort, der bereits im Nachsaisonschlaf liegt. Die Mädchen kichern und flirten; die Jungen gucken grimmig und flirten auch; alle trinken zu viel, schlagen sich die Nächte um die Ohren, und der Lehrer - die einzige Schwachstelle in diesem sonst so starken Film - ist eine lächerliche Randfigur. Ronny hält sich abseits, ist ein bisschen renitent, ein bisschen sperrig; und gerade deshalb mag Isa ihn. Als sie Marek kennenlernt, nimmt der sie mit in die Disco, und das findet sie auch ganz nett. Die beiden Jungen könnten sich mögen, aber sie sind eifersüchtig aufeinander. Und sie konkurrieren in so blöden Disziplinen wie Alter und Schuhmodelle. Schließlich provoziert Ronny Marek zu einem sportlichen Wettkampf, dem er selbst sich gar nicht stellt.

Ein bisschen erinnert "Klassenfahrt" an "Mein Stern", denn auch dieser Film wirkt so dokumentarisch, dass man Mühe hat, ihn als Spielfilm zu akzeptieren. Henner Winckler hat ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet. Und er hat an Originalschauplätzen gedreht, zwischen den tristen Hotel-Plattenbauten, in unwirtlichen Lokalen und Hang-outs, die das Provisorische jenes Lebensabschnitts zwischen Kindheit und Erwachsensein unterstreichen. Und er hat schöne Bilder gefunden, um das Dilemma zu thematisieren, das die Pubertät bestimmt: das glühende Verlangen, etwas Besonderes zu sein und trotzdem in der Gruppe aufgehen zu können.

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