Foto-Ausstellung : Die Seele Amerikas

Er war der Meister aller Klassen: Richard Avedons grandiose Retrospektive wird im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt. Der Fotograf war vor vier Jahren während der damaligen US-Wahl gestorben.

Peter von Becker
Gesichter des Westens
Gesichter des Westens. Richard Avedons Porträts der amerikanischen Wirklichkeit im Gropius-Bau. -Foto: Jirka Jansch

BerlinAls der Fotograf Richard Avedon im Oktober vor vier Jahren jäh an einem Hirnschlag starb, beobachtete er gerade für sein Lieblingsmagazin, den „New Yorker“, in Texas den damaligen Präsidentschaftswahlkampf. Seine unvollendet gebliebene Bildgeschichte trug den nicht erst heute eher mehrdeutigen Titel „Democracy 2004“.

Wenn nun, nach Stationen in den USA und in Paris, ab Sonntag im Berliner Martin-Gropius-Bau die für Berlin noch einmal eigens eingerichtete erste Avedon- Retrospektive eröffnet, trifft das Ereignis gleich doppelt. Weit über 200 Meisterwerke wirken schon für sich schier überwältigend – alles nur in Schwarzweiß, und man sieht darin alle Farben der Welt. Eine stärkere Foto-Ausstellung hat es seit Jahrzehnten nirgends gegeben.

Die wahre Überraschung ist jedoch, was gerade in den Tagen des aktuellen US-Wahlkampfs die Fotos aus den letzten Jahren und Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts über Amerikas Glanz und Dreck, Stolz und Idiotie, Gewalt und Leidenschaft verraten. Nehmen wir drei, vier Bilder, fast wahllos rausgegriffen. Eine schwarze Landschaft mit riesigem, auch geschlossen sprechendem Mund, mit selbst im Erlöschen vorleuchtenden Augen: das Antlitz von William Casby aus Louisiana, der in seiner Jugend noch Sklave war. Oder ein Torso, kein Gesicht, nur Brust und Bauch eines weißen Mannes, bis zum Hosengürtel entblößt, von Operationsnarben wie mit Stacheldraht durchfurcht und von einem verheilten, dennoch grausigen Einschussloch gezeichnet: der Körper Andy Warhols, 1969, nach dem Attentat einer Fanatikerin.

Oder ein vielleicht zwölfjähriger all American boy, weiß, überfettet, altkluges, altdummes Gesicht und ein Gewehr haltend wie den verkörperten Sinn seines Lebens. Heute wird er wahlberechtigt sein, vielleicht im Irak kämpfen, aber, denkt man, seiner Hockey-Mum und dem Rifle-Dad nie entwachsen. Dabei ist Avedons Bild, das dem bewaffneten Jungen nichts nimmt von seiner statuarisch selbstgerechten Würde, nichts als ein Bild. Keine Botschaft, keine politische Agitation. Nur selbstredend, für den Porträtierten wie für den Betrachter.

Letztes Beispiel: ein alter Mann mit böser, verbitterter, vielleicht schon selbstverächtlicher Miene, im Anzug mit gelockertem Schlips, sehr nahgerückt, fast intim, und hinter seinem Kopf und vorm weißen Hintergrund noch angeschnitten ein Schwarzer, mit einem leuchtend weißen Auge ein dunkles Halbgesicht. Als dränge noch ein Spuk, ein Teufelchen, ein Clown in dieses Bild von 1993. Es zeigt George Wallace, den ehemaligen Gouverneur von Alabama, einst ein prominenter Rassist und nach einem Attentat in den Rollstuhl gezwungen – hautnah mit seinem Diener Jimmy Dallas, einem Farbigen. Amerika, schwarzweiß.

Richard Avedon war bei seinem Tod mit 81 Jahren, die man dem schönen Mann aus einer russisch-jüdischen Emigrantenfamilie nicht anmerkte, schon ein Jahrhundertfotograf. Aber lange Zeit hatte er vor allem als Modefotograf und Prominenten-Porträtist gegolten, als der Teuerste seiner Zunft. Damit erschien er selber, obwohl eher scheu und hintergründig, auch als der Glamouröseste, trotz Cartier- Bresson, Irving Penn oder Helmut Newton, die da noch lebten.

Avedon war tatsächlich der souveräne Meister-Bildner der Reichen, Mächtigen, Weltberühmten, die er mit der Kamera dirigierte und möglichst ohne gewohnte oder vorab gewollte Posen inszenierte. Diesen Eindruck scheint die Retrospektive „Avedon – Fotografien 1946 - 2004“ zunächst durchaus glanzvoll zu bestätigen. Es beginnt mit den frühen Bilder aus einem heute versunkenen, Armut und Reichtum fast volkstümlich verschwisternden Nachkriegs-Paris. Wie schon sein Vorbild, der Modefotograf Martin Munkacsi, lässt der junge Avedon mondäne Mannequins statt im Studio auf offenen Plätzen tanzen und schweben, mischt sie unter Straßenartisten oder drapiert sie auf einem seiner berühmtesten Bilder in der neuesten Dior-Kollektion im Abendkleid zwischen Zirkuselefanten.

Darauf folgen, wie bei der Ausstellung im Sommer im Pariser Jeu de Paume, wo fast 200 000 Zuschauer zu Avedon strömten, auch in Berlin die absoluten Ikonen. Die Künstler- und Politiker-Porträts der 50er und 60er Jahre, bei denen Avedon, der am liebsten mit der schweren Großbildkamera und Fotoplatten vor vollkommen weißem Hintergrund arbeitete, seine Gegenüber meist nicht direkt ins Objektiv schauen ließ. Zur Ablenkung oder als Konzentrationshilfe stellte sich bei den Aufnahmen oft selber neben die Kamera und suchte auch von den Poträtierten den zweiten, den anderen Blick.

Nun also: der so nie sonst gesehene, melancholisch versonnene Ex-General und US-Präsident Eisenhower. Oder der Komiker Groucho Marx als schon kahler, altersfleckiger Herr, elegant, doch ebenso wie der elegische Strawinsky oder Avedons eigener todesnaher Vater auf diesen fabelhaften Fotos einem schwermütigen alten Zigeuner gleichend (Zigeuner: hier kein Schimpfwort, sondern ein Ehrenwort aus besseren Zeiten). Und natürlich das schönste, erotischste, traurigste Bild, das es von der zigtausendfach abgelichteten Marilyn Monroe gibt: New York, 6. Mai 1957, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms schon das Ende im abgesenkten, unbewussten Blick. Ein Star im tief ausgeschnittenen Paillettenkleidchen und ein untröstliches Mädchen, wie schutzlos.

Avedon zeigt vitale, auch in ihren Schwächen starke Menschen. Lustvolle auch, aber nie lustige. Das Leben ist ein Fest (keine Party), weil noch in der Freude über den Augenblick die Vergänglichkeit liegt, als jener Schleier der Wehmut, die im Angesicht etwa der wunderbaren Erzählerin Carson McCullers ahnen lässt, dass nicht nur das Herz ein einsamer Jäger ist. Klar, dass Avedon auch den Maler Francis Bacon und Samuel Beckett in seinem bildnerischen Olymp hat, wenn denn Goya oder Tschechow für ihn nicht mehr erreichbar waren.

Von Marilyns Bild in einem Tordurchgang fällt der Blick schon durch Räume hinweg in einen der zentralen Säle mit dem zehn mal drei Meter großen Triptychon der teilweise nackten Akteure aus Andy Warhols New Yorker Factory, mit dem Meister am Rand. Doch das gewaltigere, wenn auch viel kleinere Werk, ist daneben der schon erwähnte Narbenkörper des Factorymasters.

Das sind die Ikonen und Mythen. Von Marlene Dietrich bis zu den Beatles oder, ganz zuletzt Björk, in Avedons Todesjahr 2004. Die wahre Wucht aber kommt jetzt aus Avedons Amerika-Bildern – und nicht von allen Präsidenten bis Clinton, den Drahtziehern in Washington (Henry Kissinger ist da einer der markantesten). Mit derselben Bedeutung, Achtung, Herausgehobenheit porträtiert Avedon auch Ölarbeiter, Farmer, Bettler, Roadies, eine Klapperschlangen-Häuterin oder einen nackten, bienenübersäten Imker aus dem urtiefen Westen, aus Texas oder Florida. Mit gegerbten Gesichtern und Händen, keine europäischen Kleinbürger, sondern noch Proletarier und Pioniere, bis heute. Jeder hat hier, wie die Prominenten, seinen Namen und seinen Stolz, auch sein Geheimnis. Avedon sagt und zeigt, dass alle Fotografie nur Oberflächen abbildet. Die Tiefe ist dahinter.

Und hiervon erzählen Avedons wunderbare Porträts, die eine Typologie der Amerikaner ergeben wie einst die deutschen Menschenbilder des großen, von Avedon zeitlebens verehrten August Sander. Und die sich lesen lassen als kühler, unbestechlicher Spiegel der amerikanischen Seele. Das Ende der Ausstellung aber markieren Avedons Fotos vom Silvester 1989 am Brandenburger Tor: im trunkenen Jubel oft eher erschreckende, keine freudeleichten Bilder. Der triumphierende Skin ist da nur noch eine einzige weiße Haut, helles Schemen im Dunkel der Nacht. Als hätten sich Schwarz und Weiß auf einmal verkehrt.

Martin-Gropius-Bau, bis 19. Januar.

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