Foto-Ausstellung : Jüdisches Leben in Marokko

Eine Foto-Ausstellung in der Marokkanischen Botschaft in Berlin erinnert an eine schwindende Kultur. Einst lebten Muslime und Juden in Marrakesch und Casablanca als Nachbarn nebeneinander. Heute ist ein Großteil der Jüdischen Gemeinde emigriert.

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Gemeinsame Grabwache. Jüdische Familie und Berberfrau mit drei Kindern am Grab des Heiligen El Hens in Marrakesch.
Gemeinsame Grabwache. Jüdische Familie und Berberfrau mit drei Kindern am Grab des Heiligen El Hens in Marrakesch.Foto: Gabriel-Axel Soussan

„Heute leben noch etwa 3000 Juden in Marokko, vor allem in Casablanca, aber auch in Essaouira und Marrakesch“, erzählt Gabriel-Axel Soussan, selbst marokkanischer Jude. Fast scheint sich auf traurige Weise sein Projekt aus den Sechzigern zu bewahrheiten. Zusammen mit seinem inzwischen verstorbenen Freund Claude Sitbon begann er damals, jüdisches Leben in Marokko zu fotografieren. Beide waren leidenschaftliche Amateurfotografien, und so entstand die Idee, diese in der arabischen Welt einzigartige Kultur des Miteinanders festzuhalten. Vorbilder waren August Sander, der das jüdische Leben der Weimarer Republik dokumentiert hatte, sowie der russische Fotograf Roman Vishniac, der in Osteuropa in den Dreißigern eine „Verschwundene Welt“ festgehalten hat.

Entstanden sind großformatige Aufnahmen von starker Intensität, die nun im Kulturraum der Botschaft Marokkos in Berlin zu sehen sind. „Die marokkanischen Juden sind essenzieller Bestandteil der marokkanischen Kultur. Sie leben seit 2000 Jahren hier und sind genauso Bauern und Handwerker wie ihre muslimischen Brüder“, erzählt Soussan. Als 2006 junge marokkanische Journalisten die Ausstellung sahen, überraschte ihn deren Unkenntnis. „Sie wussten von dieser Kultur nichts und staunten, wie sehr sich Juden und Muslime auf den Bildern glichen, dass sie genauso arm waren und Tür an Tür in der gleichen Straße wohnten. Claude Sitbon und mir war damals bewusst, dass diese jüdische Welt zu verschwinden drohte. Deshalb haben wir sie über Jahre fotografiert.“

Auf den Bildern sind Bauern und Handwerker in einer Gasse zu sehen. „Gemeinsames jüdisches und muslimisches Erbe“ heißt die Serie. Aus ihr stammt das Foto einer jüdischen Familie und einer Berberfrau mit ihren drei Kindern. Gemeinsam bewachen sie das Grab des Heiligen El Hens in Marrakesch. Ein anderes Foto zeigt die Steinplatte über dem Grab von Salomon El Hens, der von Juden und Muslimen in Marrakesch gleichermaßen verehrt wird. Die Ausstellung erstickt Stereotype im Keim.

Auf dem Friedhof hat Gabriel-Axel Soussan alte Männer fotografiert, Greise mit langen Bärten, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen – voll Würde und Stolz. Ein blinder Alter legt seine Hand auf die Schulter einer Frau, die ihn führt. Ein anderes Bild zeigt den betenden Rabbi Shalom Messas, der später Rabbiner in Jerusalem wird.

Vor mehr als zwanzig Jahren hat die jüdische Gemeinde von Casablanca begonnen, sich um das jüdische Erbe Marokkos zu kümmern. Eine Stiftung und ein in der arabischen Welt einzigartiges Museum wurden gegründet, das Marokkanische Jüdische Museum in Casablanca. Die Stiftung und das Kulturministerium des Landes kümmern sich seit 1997 um die Restaurierung der vom Verfall bedrohten Synagogen im Land, unterstützt vom deutschen Auswärtigen Amt. Von diesem Engagement zeugt die zweite Fotoausstellung im Kulturzentrum der Marokkanischen Botschaft. So wurde die Synagoge Al Fassaiyine in Fès in Anwesenheit von Bundestagspräsident Norbert Lammert Anfang 2013 der Öffentlichkeit übergeben. „Viele Häuser in der Medina sind vom Verfall bedroht“, erzählt der Architekt Mohammed Ameziane Hassani. „In Fès sind alleine tausend Häuser in Gefahr“, darunter eben auch Synagogen. Aber nicht nur in Fès wurden die Kulturdenkmäler restauriert, sondern auch in Dörfern des Südens und des Atlas. Für Botschafter Omar Zniber sind sie ein Beispiel für die kulturelle Vielfalt seines Landes.

1948 lebten rund 300 000 Juden in Marokko, etwa vier Prozent der Bevölkerung. Ab Beginn der fünfziger Jahre forcierten Zionisten die Auswanderung nach Israel, um ein Gleichgewicht zwischen Muslimen und Juden herzustellen. Nach der Unabhängigkeit Marokkos 1956 zogen die Franzosen alle Experten ab, junge jüdische Akademiker aus Marokko nahmen deren Positionen Anfang der Sechziger ein. Staatsgründer König Mohammed V. verbot die jüdische Auswanderung. „Die Juden sind meine Kinder“, hatte er erklärt. Doch nach seinem Tod 1961 unterstützten die Zionisten die illegale Emigration der einfachen Leute. Ein weiterer Aderlass vollzog sich nach den Kriegen von 1967 und 1973.

„Auf der ganzen Welt leben etwa eine Million marokkanischer Juden. Sie haben immer noch eine starke Bindung an ihre Heimat“, erzählt Soussan, der mit seinen Fotos und denen seines Freundes Claude Sitbon ein Stück dieser gemeinsamen jüdisch-muslimisch-marokkanischen Kultur dem Vergessen entrissen hat.

Marokkanische Botschaft, Niederwallstr. 39, bis Ende April. Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr. Eintritt frei.

Die Ausstellung ist beendet, da der Künstler seine Werke zwingend in Paris brauchte. D.Red.

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